Diesen alten Schrank wollte die Familie zu Brennholz zersägen. Nach der Restaurierung bot ein Sammler eine unerwartete Summe dafür

by 04impress
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Die elektrische Säge lag bereits auf der Werkbank, als Michael Seidel den kleinen freigelegten Fleck auf der Schranktür entdeckte.

Unter mehreren Schichten grünlicher und beigefarbener Farbe kam kein gewöhnliches Kiefernholz zum Vorschein. Im Licht der Taschenlampe erkannte er dunkles Nussbaumfurnier und ein Muster aus winzigen, unterschiedlich gefärbten Holzstücken.

Michael legte den Schaber beiseite und betrachtete die Stelle aus der Nähe.

– Diesen Schrank dürfen Sie auf keinen Fall zersägen – sagte er.

Anne Hartmann, die wenige Meter entfernt alte Kartons sortierte, lachte zunächst.

– Sie haben ihn noch nicht von hinten gesehen. Der stand mindestens dreißig Jahre in diesem Schuppen.

– Das mag sein. Aber jemand hat sich vor sehr langer Zeit außerordentlich viel Arbeit mit ihm gemacht.

Der Schrank befand sich in einem alten Nebengebäude auf dem Grundstück von Annes verstorbener Großmutter in einem Dorf bei Würzburg. Anne und ihr Bruder Tobias waren seit mehreren Wochen damit beschäftigt, das Haus und die angrenzenden Räume zu räumen.

Alles, was noch brauchbar war, sollte verkauft oder verschenkt werden. Kaputte Möbel und morsche Bretter wollten sie als Brennholz verwenden.

Der fast zwei Meter hohe Schrank stand ganz hinten im ehemaligen Waschhaus. Seine Oberfläche war mit rissiger, stumpfer Farbe bedeckt. Am unteren Rand fehlte ein Stück Holz, eine Tür hing schief und der flache Schubkasten ließ sich nicht mehr öffnen.

Niemand in der Familie wusste genau, wie alt das Möbelstück war.

Die Großmutter hatte darin jahrzehntelang Arbeitskleidung, Einmachgläser und später Gartengeräte aufbewahrt. Irgendwann war der Schrank in den Schuppen gestellt worden, wo Feuchtigkeit, Staub und Temperaturschwankungen ihm weiter zusetzten.

Tobias hatte bereits versucht, ihn über eine Kleinanzeigenplattform zu verschenken. Obwohl er mehrere Fotos einstellte, meldete sich niemand.

Schließlich beschlossen die Geschwister, das Möbel zu zerlegen.

Michael war an diesem Tag eigentlich nur gekommen, um einige alte Eichenbretter abzuholen. Er arbeitete seit mehr als zwanzig Jahren als Möbelrestaurator und betrieb in einer umgebauten Garage eine kleine Werkstatt.

Schon beim Betreten des Schuppens war ihm die geschwungene Form des Schrankgesimses aufgefallen.

Auch die handgearbeiteten Verbindungen an den Ecken passten nicht zu einem billigen Bauernschrank aus dem frühen 20. Jahrhundert. Die Rückwand bestand aus breiten, unregelmäßig behauenen Brettern, und die Scharniere waren mit alten geschmiedeten Nägeln befestigt.

Die Farbe verbarg fast alle Details, doch die Konstruktion ließ Michael vermuten, dass der Schrank deutlich älter war.

Er bat um einen kleinen Spachtel und entfernte an einer unauffälligen Stelle vorsichtig die oberste Farbschicht. Darunter kamen zunächst eine cremefarbene und anschließend eine dunkelgrüne Schicht zum Vorschein.

Erst darunter zeigte sich das Nussbaumfurnier.

In einer Ecke war außerdem ein geometrisches Muster zu erkennen, das aus hellen und dunklen Hölzern zusammengesetzt war.

– Ist das aufgemalt? – fragte Anne.

– Nein, das sind Intarsien. Jedes dieser kleinen Stücke wurde einzeln zugeschnitten und eingesetzt.

Michael wollte trotzdem keine voreiligen Versprechen machen. Ein dekoratives Detail allein bedeutete nicht automatisch, dass ein Möbelstück besonders wertvoll war. Der Schrank konnte im Inneren stark beschädigt sein, das Furnier konnte sich großflächig gelöst haben und auch die Bemalung ließ sich möglicherweise nicht entfernen, ohne die ursprüngliche Oberfläche zu zerstören.

Er schlug vor, das Möbel zunächst in seiner Werkstatt gründlich zu untersuchen.

Anne und Tobias stimmten zu. Der geplante Einsatz der Säge wurde abgesagt.

Der Transport erwies sich bereits als Herausforderung. Der Schrank war schwerer als erwartet und ließ sich nicht vollständig zerlegen. Mit vier Personen, Gurten und einem Möbelwagen brachten sie ihn aus dem Nebengebäude.

In der Werkstatt fotografierte Michael zuerst jede Seite. Er dokumentierte die Scharniere, die Füße, die Türspalten und sogar die kleinsten Risse.

Erst danach begann er, den Schrank vorsichtig auseinanderzunehmen.

Die Türen wurden ausgehängt und auf gepolsterte Böcke gelegt. Der Schubkasten ließ sich nach mehreren Versuchen öffnen. Darin lagen nur einige verrostete Nägel, ein Stück Schnur und ein vergilbtes Stück Zeitung aus den 1960er-Jahren.

Unter dem Schubkasten entdeckte Michael jedoch eine mit Bleistift geschriebene Zahlenfolge und zwei Buchstaben. Sie waren nur schwach zu erkennen und erlaubten noch keine eindeutige Zuordnung.

Die größte Gefahr ging zunächst von der alten Farbe aus. Einige Schichten stammten vermutlich aus einer Zeit, in der gesundheitsschädliche Pigmente üblich waren. Michael nahm deshalb Proben und arbeitete beim Entfernen mit Schutzkleidung, Absaugung und geeigneten Filtern.

Ein grobes Abschleifen kam nicht infrage.

Das darunterliegende Furnier war stellenweise weniger als einen Millimeter dick. Eine elektrische Schleifmaschine hätte nicht nur die Farbe, sondern auch die Holzoberfläche und die Intarsien zerstört.

Stattdessen arbeitete Michael Abschnitt für Abschnitt mit Wärme, geeigneten Lösemitteln und kleinen Handschabern.

Der Fortschritt war langsam.

An manchen Tagen schaffte er kaum mehr als eine Fläche von der Größe eines DIN-A4-Blattes. Besonders an den profilierten Leisten und den Kanten musste er beinahe millimeterweise vorgehen.

Doch mit jeder entfernten Farbschicht wurde deutlicher, was sich darunter verbarg.

Die beiden Türen bestanden aus großen Nussbaumflächen, die von schmalen geometrischen Intarsienbändern umrahmt wurden. Dreiecke aus Ahorn, Birnbaum und dunklerem Obstholz bildeten ein wiederkehrendes Muster.

Auch am geschwungenen oberen Abschluss und am Schubkasten tauchten ähnliche Verzierungen auf.

Anne besuchte die Werkstatt nach zwei Wochen. Als sie die halb gereinigte Tür auf der Werkbank sah, blieb sie überrascht stehen.

– Das war die ganze Zeit unter dieser grünen Farbe?

Michael nickte.

– Und niemand hat es mehr gewusst.

Die Entfernung der Farbe war jedoch nur der erste Teil der Restaurierung.

An mehreren Stellen hatte sich das Furnier vom Trägerholz gelöst. Feuchtigkeit war durch Risse eingedrungen und hatte den alten tierischen Leim geschwächt. Manche Bereiche wölbten sich nach außen, andere waren bereits abgebrochen.

Michael löste nur jene Stücke, die nicht mehr sicher befestigt waren. Danach reinigte er die Flächen und verleimte sie mit einem reversiblen traditionellen Leim erneut.

Fehlende Furnierteile ersetzte er nicht durch modernes, industriell geschnittenes Holz. In seiner Werkstatt bewahrte er alte Nussbaumreste aus beschädigten Möbeln auf, die nicht mehr restauriert werden konnten.

Aus diesen Resten suchte er Stücke mit passender Maserung und Farbe.

Die Ergänzungen sollten aus der normalen Entfernung nicht auffallen, bei genauer Betrachtung aber weiterhin als Reparaturen erkennbar bleiben. Michael wollte den Schrank nicht so aussehen lassen, als wäre er am Vortag hergestellt worden.

Auch die Intarsien verlangten Geduld.

Einige der kleinen Dreiecke waren kaum größer als ein Fingernagel. Mehrere fehlten vollständig. Michael fertigte passende Formen aus alten Furnierresten an und setzte sie einzeln in die Lücken.

Die rechte vordere Ecke des Schranks war stärker beschädigt als zunächst angenommen. Dort hatte sich das Holz durch die jahrelange Feuchtigkeit verformt. Ein Fuß war außerdem irgendwann durch ein grob zugeschnittenes Ersatzstück ausgetauscht worden.

Der beschädigte Bereich musste stabilisiert, der falsche Fuß entfernt und nach dem erhaltenen Gegenstück neu angefertigt werden.

Nach fast sechs Wochen waren die Farbschichten vollständig entfernt. Nun zeigte sich erstmals die gesamte Gestaltung.

Michael vermutete, dass der Schrank aus dem frühen 19. Jahrhundert stammte. Um diese Einschätzung überprüfen zu lassen, schickte er Fotos und Konstruktionsdetails an eine Sachverständige für historische Möbel.

Dr. Katharina Vogt besuchte die Werkstatt wenige Tage später.

Sie untersuchte die Holzverbindungen, die Beschläge, das Furnierbild und die Bearbeitungsspuren auf der Rückseite. Besonders interessierte sie sich für die Form des geschwungenen Gesimses und die wiederkehrenden Dreiecksmuster.

Nach ihrer Einschätzung war der Schrank wahrscheinlich zwischen 1800 und 1820 in einer fränkischen Werkstatt entstanden. Der genaue Hersteller ließ sich nicht mehr feststellen, doch die Kombination aus Nussbaumfurnier und geometrischen Intarsien war für eine kleine Gruppe regionaler Möbel charakteristisch.

Die Buchstaben unter dem Schubkasten könnten zu einem Handwerker oder einem früheren Eigentümer gehört haben. Einen sicheren Beweis gab es dafür nicht.

– Es ist kein königliches Möbel und auch kein unbekanntes Museumsstück – erklärte die Sachverständige. – Aber es ist ein sehr gutes, ungewöhnlich vollständig erhaltenes Beispiel regionaler Handwerkskunst.

Vor allem war der Schrank wesentlich wertvoller, als Anne und Tobias vermutet hatten.

Die Restaurierung wurde fortgesetzt.

Nachdem alle losen Furnierbereiche befestigt waren, reinigte Michael die Oberfläche behutsam. Er wollte die natürliche Alterung nicht beseitigen. Kleine Kratzer, dunklere Stellen und Gebrauchsspuren blieben erhalten.

Die Messingscharniere und Schlüsselschilder wurden ebenfalls nicht auf Hochglanz poliert. Michael entfernte Schmutz und Korrosion, ließ aber die gewachsene Patina bestehen.

Anschließend baute er die Türen wieder ein, richtete sie aus und reparierte das alte Schloss. Der Schubkasten bekam neue Führungen aus passendem Holz, weil die alten vollständig abgenutzt waren.

Für die Oberfläche verwendete Michael dünne Schichten Schellack, die von Hand aufgetragen wurden. Nach jeder Schicht wartete er, bis sie vollständig getrocknet war, bevor er sie vorsichtig glättete.

Zum Abschluss erhielt das Holz eine dünne Wachsschicht.

Das Ergebnis war kein spiegelnder Lack. Das Nussbaumholz bekam einen warmen, tiefen Ton, während die Intarsien deutlich sichtbar wurden. Je nach Lichteinfall wirkten die kleinen Dreiecke heller oder dunkler.

Nach fast drei Monaten war der Schrank fertig.

Anne und Tobias hatten bis dahin nur einzelne Fotos gesehen. Für die Übergabe stellte Michael das Möbel in einem hellen Raum auf, damit sie die komplette Front zum ersten Mal sehen konnten.

Anne blieb in der Tür stehen.

Der grün gestrichene Schrank aus dem feuchten Nebengebäude war kaum wiederzuerkennen. Die geschwungene Krone, die dunkle Maserung und die feinen Intarsien ließen ihn plötzlich deutlich eleganter erscheinen, als es die Familie je für möglich gehalten hatte.

Tobias ging einmal um das Möbel herum und betrachtete schließlich die Rückwand.

– Ich habe die Säge schon an die Seite gestellt – sagte er. – Ein paar Minuten später, und davon wäre nichts mehr übrig gewesen.

Zunächst wollten die Geschwister nur wissen, welchen ungefähren Marktwert der restaurierte Schrank hatte. Michael fotografierte ihn und bat einen Antiquitätenhändler, eine Einschätzung abzugeben.

Der Händler leitete die Bilder mit Erlaubnis der Familie an einen privaten Sammler weiter, der sich auf süddeutsche Möbel des frühen 19. Jahrhunderts spezialisiert hatte.

Zwei Tage später kam ein konkretes Angebot.

Der Sammler wollte 13.500 Euro für den Schrank bezahlen. Transport und professionelle Verpackung hätte er zusätzlich übernommen.

Anne glaubte zunächst, die Zahl falsch verstanden zu haben.

Vor der Restaurierung war niemand bereit gewesen, das Möbel kostenlos abzuholen. Nun bot jemand mehr dafür, als die Geschwister ursprünglich für die gesamte Räumung des Hauses eingeplant hatten.

Trotzdem sagten sie nicht sofort zu.

Bei einem weiteren Besuch im Haus ihrer Großmutter fanden sie in einem Fotoalbum eine alte Schwarz-Weiß-Aufnahme. Sie zeigte Annes Urgroßmutter vor genau diesem Schrank. Damals war das Holz noch sichtbar, und auf dem Foto konnte man sogar das Muster auf den Türen erkennen.

Vermutlich war der Schrank später gestrichen worden, weil das Furnier unmodern erschien oder weil man beschädigte Stellen verdecken wollte. Mit jeder neuen Farbschicht geriet seine ursprüngliche Gestaltung weiter in Vergessenheit.

Anne und Tobias lehnten das Angebot schließlich ab.

Der Schrank steht heute in Annes Esszimmer. Im unteren Schubkasten bewahrt sie das alte Familienfoto und Michaels Dokumentation der Restaurierung auf.

Die angebotenen 13.500 Euro waren für sie dennoch wichtig. Nicht, weil sie das Möbel verkaufen wollte, sondern weil die Summe zeigte, wie falsch der erste Eindruck gewesen war.

Natürlich verbirgt sich nicht unter jedem gestrichenen Schrank ein wertvolles Möbelstück. Viele alte Gegenstände sind tatsächlich stark beschädigt oder nur mit unverhältnismäßig großem Aufwand zu retten.

Doch manchmal reichen ein ungewöhnlicher Holzverbund, eine handgearbeitete Verbindung oder ein winziger freigelegter Fleck, um die gesamte Geschichte eines Gegenstands neu zu betrachten.

Dieser Schrank war nur wenige Minuten davon entfernt gewesen, zersägt und verbrannt zu werden.

Gerettet hatte ihn keine spektakuläre Entdeckung.

Es war lediglich jemand da gewesen, der genau hinsah, bevor die Säge eingeschaltet wurde.

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