Als Jana und Matthias die Dreizimmerwohnung am Stadtrand von Leipzig übernahmen, wussten sie bereits, dass sie einiges renovieren mussten. Doch kein Raum war so stark in der Vergangenheit stehen geblieben wie die Küche.
An den Wänden klebte eine gelb-braune Blumentapete, die stellenweise bereits lose herunterhing. Die dunklen Holzschränke waren abgenutzt, mehrere Türen schlossen nicht mehr richtig und die Arbeitsplatte war rund um das Spülbecken aufgequollen. Auf dem Boden lag ein grauer Kunststoffbelag, unter dem sich an einigen Stellen kleine Wellen gebildet hatten.
Auch der alte Gasherd, der cremefarbene Kühlschrank und die schwere Deckenlampe stammten offensichtlich aus einer anderen Zeit. Nach Angaben der Vorbesitzerin war die Küche tatsächlich seit 1976 nicht grundlegend verändert worden.
Trotzdem entschieden sich Jana und Matthias dagegen, einfach eine fertige Küchenzeile zu bestellen. Der Raum war schmal, die Wände verliefen nicht ganz gerade und zwischen Fenster, Heizkörper und Tür blieb nur wenig Platz. Eine Standardlösung hätte entweder wichtige Arbeitsfläche gekostet oder den ohnehin engen Durchgang noch kleiner gemacht.

Deshalb baten sie einen örtlichen Tischler und Küchenmonteur namens Thomas um Hilfe. Schon bei seinem ersten Besuch bemerkte er, dass der Raum mehr Möglichkeiten bot, als es zunächst schien.
Sein Plan war überraschend schlicht: Die grundsätzliche Aufteilung sollte erhalten bleiben. Spüle und Herd würden ungefähr an ihren bisherigen Positionen stehen, damit Wasser-, Abwasser- und Stromleitungen nicht unnötig verlegt werden mussten. Gleichzeitig sollten die Schränke exakt an die ungewöhnlichen Maße des Raumes angepasst werden.
Bevor mit dem Ausbau begonnen werden konnte, musste die Küche vollständig ausgeräumt werden. Die alten Oberschränke ließen sich noch relativ schnell entfernen. Bei den Unterschränken war deutlich mehr Geduld nötig, weil einige von ihnen direkt an die Wand geschraubt und später mehrfach überstrichen worden waren.
Unter der Tapete kam unebener Putz zum Vorschein. Hinter dem Spülenschrank entdeckten die Handwerker außerdem eine feuchte Stelle. Glücklicherweise war kein größeres Leck vorhanden. Eine alte Verbindung am Wasserrohr hatte über Jahre hinweg langsam getropft. Das beschädigte Rohrstück wurde ersetzt, die Wand getrocknet und anschließend neu verputzt.

Auch die Elektrik entsprach nicht mehr den heutigen Anforderungen. In der gesamten Küche gab es nur wenige Steckdosen, und mehrere Geräte waren über Verlängerungskabel angeschlossen worden. Ein Elektriker legte deshalb neue Leitungen, ergänzte abgesicherte Anschlüsse für Backofen und Kochfeld und installierte zusätzliche Steckdosen oberhalb der späteren Arbeitsfläche.
Nach dem Rückbau wirkte der Raum zunächst noch kleiner als vorher. Mehrere Tage lang waren nur kahle Wände, freiliegende Anschlüsse und der alte Boden zu sehen. Genau in dieser Phase begannen die Nachbarn zu zweifeln, ob sich der Aufwand wirklich lohnen würde.
Thomas blieb jedoch bei seinem ursprünglichen Konzept. Für die unteren Schränke wählte er ein ruhiges Salbeigrün. Die oberen Schrankfronten wurden aus hellem Holz gefertigt, damit der Raum wärmer und zugleich heller wirkte. Die Arbeitsplatte erhielt eine matte, helle Steinoptik, die pflegeleicht und deutlich günstiger als echter Naturstein war.
Auf Hochglanzflächen verzichteten die Eigentümer bewusst. In dem schmalen Raum hätten sie zwar mehr Licht reflektiert, aber auch jeden Fingerabdruck sichtbar gemacht. Stattdessen kamen matte Oberflächen und kleine messingfarbene Griffe zum Einsatz.
Der alte Gasherd wurde durch ein kompaktes Induktionskochfeld und einen eingebauten Backofen ersetzt. An der ursprünglichen Position der Spüle entstand ein tieferes Edelstahlbecken mit einer schlichten Armatur. Weil die Anschlüsse kaum verändert werden mussten, blieb dieser Teil des Umbaus vergleichsweise günstig.
Besonders wichtig war die Arbeitsfläche. In der früheren Küche gab es zwischen Herd und Spüle kaum Platz zum Vorbereiten von Speisen. Durch neue, schmalere Korpusse und eine bessere Aufteilung entstand nun eine durchgehende Fläche. Auf der gegenüberliegenden Seite wurde ein zusätzlicher Unterschrank eingebaut, ohne den Durchgang zu blockieren.

Auch der Heizkörper unter dem Fenster blieb erhalten. Statt ihn hinter Möbeln zu verstecken, integrierte Thomas ihn bewusst in die Planung. Dadurch konnte die warme Luft weiterhin ungehindert in den Raum strömen. Auf der Fensterbank blieb außerdem genügend Platz für Kräutertöpfe.
Die alte Blumentapete verschwand vollständig. Die Wände wurden in einem warmen Weiß gestrichen, während über der Arbeitsplatte schmale, senkrecht verlegte Fliesen angebracht wurden. Sie sind unauffällig, lassen die Wand aber optisch höher erscheinen.
Nach knapp sechs Wochen waren alle Arbeiten abgeschlossen. Der Raum war weder größer geworden noch hatte man Wände versetzt. Trotzdem wirkte die Küche deutlich offener. Die hellen Materialien, die maßgefertigten Schränke und die freie Sicht bis zum Fenster veränderten den gesamten Eindruck.
Die Kosten blieben ebenfalls überschaubarer als zunächst befürchtet. Jana und Matthias investierten vor allem in die maßgefertigten Schränke, die Elektrik und die notwendigen Reparaturen. Bei Geräten, Beleuchtung und Fliesen entschieden sie sich für solide Modelle aus dem mittleren Preissegment. Insgesamt kostete der Umbau rund 14.000 Euro.
Als die Arbeiten beendet waren, ließ Jana die Wohnungstür für einige Minuten offen, um Verpackungsmaterial hinauszutragen. Zwei Nachbarinnen, die den Lärm und den Staub während der Renovierung miterlebt hatten, warfen neugierig einen Blick in die Küche.

Zunächst glaubten sie, der Raum sei vergrößert worden. Erst als Jana erklärte, dass weder eine Wand entfernt noch das Fenster verändert worden war, wollten beide wissen, wer die Küche geplant hatte.
Noch am selben Abend schickte Jana ihnen die Kontaktdaten von Thomas. Wenige Tage später erhielt der Handwerker tatsächlich zwei neue Anfragen aus demselben Haus.
Für Jana und Matthias war das schönste Ergebnis jedoch nicht die Reaktion der Nachbarn. Zum ersten Mal konnten sie gemeinsam kochen, ohne sich gegenseitig im Weg zu stehen. Aus einem Raum, der fast fünf Jahrzehnte unverändert geblieben war, war eine helle, praktische Küche geworden – ohne dass sie ihren ursprünglichen, bodenständigen Charakter vollständig verloren hatte.