— Stellen Sie diesen Tisch genau hierhin. — Regina Lwowna zeigte mit ihrem perfekt gepflegten Finger auf den schmalen Korridor zwischen einer Säule und einer Tür, an der ein dezentes Schild hing. — Direkt neben den Eingang zur Toilette.
Damit jeder Passant versehentlich mit dem Ellbogen dagegen stößt. Der junge Manager des Restaurants „Versailles“ rückte nervös seine Krawatte zurecht und blickte auf die Tische, die für die Elite der Stadt gedeckt waren. — Aber Regina Lwowna, das hier… das ist kein guter Platz. Es zieht von der Tür, die Küche ist nah, ständig laufen Leute vorbei. Das ist kein Platz für Gäste.
— Für meine Gäste ist er genau richtig — lächelte die Frau wie ein Raubtier, während sie ihr schweres Collier richtete, das wie ein kalter Reif an ihrem Hals lag. — Sollen sie dort sitzen und sehen, wie das Leben der Menschen wirklich ist. Mein Sohn Artem und seine Frau leben seit acht Jahren ohne einen Pfennig, dort werden sie sich also völlig normal fühlen.
Regina Lwowna drehte sich um und bewunderte sich in den vergoldeten Spiegeln. Sie wurde heute sechzig. In Bestform: Wohnung im Zentrum, alte Beziehungen im Amt, der Respekt der Kollegen. Der einzige dunkle Fleck auf ihrem makellosen Ruf war ihr Sohn.
Vor acht Jahren hatte Artem, ihre große Hoffnung, der „Goldjunge“, dem alle Türen offen standen, das Unmögliche getan. Er heiratete Darja — ein stilles, unauffälliges Mädchen, das in einer kleinen Werkstatt Teller bemalte.
Und dann, als hätte er den Verstand verloren, kündigte er seinen vielversprechenden Job, verkaufte das ausländische Auto, das seine Mutter ihm geschenkt hatte, und zog mit seiner Frau in ein abgelegenes Dorf. „Wir bauen uns unser eigenes Leben auf“, hatte er damals gesagt.

„Sie wühlen im Dreck“, erzählte Regina ihren Freundinnen und schluckte dabei fast ihren Zorn hinunter. „Sie hocken in einer Hütte und bauen Gemüse an. Die ganze Stadt lacht über sie.“ All die Jahre hatten sie ihre Anrufe nicht entgegengenommen. Doch zu ihrem Jubiläum schickte sie ihnen eine Einladung. Nicht aus Liebe — sie wollte eine Trophäe.
Sie wollte Artem als einen ungepflegten, schlecht gekleideten Versager sehen und Darja — füllig, in Billigkleidung aus China, mit einem vom Wind gezeichneten Gesicht. Sie wollte den Neid in ihren Augen sehen, wenn sie ihr luxuriöses Leben betrachteten.
Die Gäste trafen elegant ein. Der Saal füllte sich mit Gemurmel, dem Duft teurer Parfüms und dem Klirren von Gläsern. Schanna kam, die Freundin vom Finanzamt, sogar der stellvertretende Regionaldirektor erschien mit seiner Frau.
— Und, Nadja, kommen deine Einsiedler heute? — fragte Schanna sarkastisch und rückte ihre Brosche zurecht. — Oder haben sie das Geld für das Ticket nicht zusammenbekommen?
— Sie kommen, sie haben keine andere Wahl — lächelte Regina und nippte an ihrem kühlen, trockenen Rotwein. — Ich habe ihnen gesagt, meine Gesundheit sei nicht mehr die beste und ich wolle über das Erbe sprechen. Das zieht immer. Geld brauchen solche Leute immer.
Die Türen des Restaurants öffneten sich. Regina straffte artistisch ihren Rücken, bereit für ihren imposantesten Gesichtsausdruck. Sie erwartete Armut. Sie erwartete, dass Not und Elend von ihnen ausstrahlten. Doch das Bild passte nicht.
Artem und Darja traten ein, als wäre der Saal ihr Wohnzimmer. Artems Schultern waren breiter geworden, das gebeugte Gehen eines Büromenschen war verschwunden.
Er trug einen grauen Leinenanzug — perfekte Nähte, keine einzige unnötige Falte. Sein Gesicht war gebräunt und ruhig, mit ernsten Falten um die Lippen — das Gesicht eines Mannes, der es gewohnt war, Verantwortung zu tragen.
Doch Darja beeindruckte am meisten. Die „graue Maus“. Sie trug ein geschlossenes, sandfarbenes Kleid, das ihren Körper wie flüssige Seide umfloss. Um den Hals eine dünne Kette aus dunklem Holz, am Handgelenk ein schweres, handgefertigtes Armband. Keine Diamanten, kein Prunk. Aber sie strahlte so viel Selbstbewusstsein aus, dass Schanna automatisch ihre Brosche verdeckte.
— Hallo, Mutter — Artems Stimme war tiefer und voller Vertrauen. Er trat auf sie zu und überreichte ein kleines Holzkästchen. — Alles Gute zum Geburtstag.
— Hallo… mein Sohn — Regina war überrascht, fing sich aber sofort. Der Zorn verlieh ihr neue Kraft. „Sie haben sich herausgeputzt! Haben Kredite aufgenommen, um zu beeindrucken!“ dachte sie.
— In der Mitte des Saals war kein Platz mehr frei, all die wichtigen Leute sind hier. Euer Platz ist dort drüben. — Sie zeigte auf den wackeligen Tisch neben der Toilette.
Genau in diesem Moment öffnete sich die Tür, ein Kellner kam mit einem Tablett voller schmutzigem Geschirr heraus und streifte fast Darjas Schulter. Im Saal wurde es still. Alle warteten auf einen Skandal. Regina triumphierte innerlich: „Na los, zeigt euer wahres Gesicht, werdet wütend!“
Artem blickte auf den Tisch, dann auf das Schild „WC“ und schließlich seine Mutter an. In seinen Augen lag keine Beleidigung. Es war eine bittere, reife Erkenntnis.
— In Ordnung, Mutter — sagte er ruhig. — Komm, Dascha.
Sie durchquerten den Saal, alle Blicke auf sie gerichtet. Sie setzten sich an den kleinen Tisch. Der Luftzug bewegte eine Haarsträhne von Darja, aber sie rührte sich nicht. Sie saß aufrecht und betrachtete ruhig die Teller. Regina atmete auf. Sie hatte es geschafft. Sie hatte ihnen ihren Platz zugewiesen. Eine Stunde später, als die Stimmung ihren Höhepunkt erreicht hatte, entschied Regina, noch weiter zu gehen. Sie nahm das Mikrofon.
— Meine Lieben! — ihre süßliche Stimme füllte den Saal. — Ich bin so froh, dass ihr hier seid. In diesem Tempel des Geschmacks. Leider wissen nicht alle Familienmitglieder, wie man sich zivilisiert verhält. Mein Sohn Artem glaubt, das Glück liege darin, im Wald zu graben. Artem, steh auf, zeig dich uns!
Artem erhob sich langsam.
— Sag uns — fuhr Regina mit zuckersüßer Stimme fort — wie ist es so, draußen auf die Toilette zu gehen? Ist es schwer, nach der Universität im Dreck zu wühlen? Greift ruhig zu, nehmt euch ordentlich vom Tisch. Ich habe den Kellnern gesagt, sie sollen die Reste einpacken, damit ihr zu Hause etwas zu essen habt.
Jemand unter den Gästen prustete los. Schanna versteckte ihr Gesicht hinter einer Serviette, um das Lachen zu unterdrücken. Es war ein scharfer, tief verletzender Kommentar.
— Bei uns zu Hause ist alles bestens, Mutter — sagte Artem ruhig. Seine Stimme war in jedem Winkel des Saals zu hören. — Wir essen von unseren eigenen Tellern. Wir leben, wie wir wollen. Und was die Reste angeht… behalte sie für dich. Du kennst dich damit besser aus.