Als Tobias Werner im Frühjahr ein älteres Haus am Rand von Kassel kaufte, interessierte er sich zunächst kaum für den verwilderten Hinterhof. Zwischen einer kleinen Gartenhütte, dichten Sträuchern und hohem Gras stand ein alter türkisfarbener Lieferwagen mit cremefarbenem Hochdach.
Der Vorbesitzer des Grundstücks hatte Tobias erklärt, das Fahrzeug sei seit mehr als zwanzig Jahren nicht bewegt worden. Der Motor funktioniere nicht mehr, die Reifen seien platt und die Unterlagen längst verschwunden. Wahrscheinlich, so meinte er, könne man den Wagen nur noch verschrotten.
Tobias wollte zunächst tatsächlich einen Verwerter anrufen. Doch als er den Lieferwagen genauer betrachtete, änderte er seine Meinung. Obwohl die Radläufe stark verrostet waren und Moos auf dem Dach wuchs, war die Karosserie überraschend vollständig. Türen, Leuchten, Stoßfänger und sogar die alten Radkappen waren noch vorhanden.
„Er sah schlimm aus, aber nicht hoffnungslos“, erinnert sich Tobias. „Man konnte erkennen, dass niemand Teile herausgerissen oder ihn als Ersatzteillager benutzt hatte.“
Unter dem Schmutz kam eine solide Grundlage zum Vorschein
Gemeinsam mit seinem Freund Daniel, der in einer kleinen Werkstatt klassische Nutzfahrzeuge repariert, befreite Tobias den Wagen zunächst von Ästen und Unkraut. Anschließend wurde er vorsichtig aus dem Garten gezogen und auf einem Anhänger zur Werkstatt gebracht.
Dort begann die eigentliche Untersuchung.

Der alte Dieselmotor ließ sich von Hand drehen, war also nicht vollständig fest. Allerdings waren Kraftstoffleitungen, Einspritzpumpe, Schläuche und Dichtungen unbrauchbar geworden. Der Tank war innen korrodiert, die Bremsanlage funktionierte nicht mehr und mehrere Kabel waren durch Feuchtigkeit beschädigt.
Die größte Sorge galt jedoch der Karosserie. An beiden Radläufen, den unteren Türkanten und Teilen des Schwellers befanden sich tiefe Roststellen. Einige Bereiche sahen von außen noch stabil aus, zerfielen aber bereits unter leichtem Druck.
Trotzdem gab es eine gute Nachricht: Die tragenden Teile waren besser erhalten als erwartet. Der Wagen hatte auf einem leicht geneigten, teilweise befestigten Untergrund gestanden. Dadurch konnte Regenwasser ablaufen und hatte sich nicht dauerhaft unter dem Fahrzeug gesammelt.
Nach zwei Tagen Untersuchung stand fest, dass eine Restaurierung technisch möglich war. Wirtschaftlich sinnvoll war sie allerdings nicht unbedingt.
„Allein die Arbeitszeit würde den späteren Verkaufswert vermutlich übersteigen“, erklärte Daniel. „Wenn man so ein Projekt beginnt, macht man es nicht, um schnell Geld zu verdienen.“

Tobias entschied sich trotzdem dafür.
Ein altes Wartungsheft führte zum früheren Besitzer
Beim Ausbau des Armaturenbretts entdeckte Tobias hinter dem Handschuhfach eine schmale Kunststoffmappe. Darin lagen einige Werkstattrechnungen, ein vergilbtes Wartungsheft und ein Lieferschein aus dem Jahr 1991.
Auf mehreren Dokumenten stand derselbe Name: Peter Krüger.
Tobias begann zu recherchieren und fand schließlich einen inzwischen pensionierten Elektriker mit diesem Namen, der nur etwa vierzig Kilometer entfernt wohnte. Als er ihn anrief und den türkisfarbenen Lieferwagen beschrieb, wurde es am anderen Ende der Leitung zunächst still.
Peter hatte das Fahrzeug 1989 für seinen kleinen Elektrobetrieb gekauft. Fast zehn Jahre lang transportierte er damit Kabelrollen, Leitern und Werkzeug zu Baustellen in der gesamten Region. Auch seine Kinder verbanden viele Erinnerungen mit dem Wagen, denn an freien Wochenenden hatte die Familie die Ladefläche provisorisch zum Schlafen genutzt.
Ende der 1990er-Jahre verkaufte Peter den Lieferwagen an einen Bekannten. Einige Jahre später hörte er, dass das Fahrzeug wegen eines Defekts abgestellt worden war. Danach verlor sich seine Spur.

„Ich war überzeugt, dass er längst verschrottet worden war“, erzählte Peter. „Ich hätte nie gedacht, dass noch etwas davon existiert.“
Tobias verriet ihm nicht, dass die Restaurierung bereits begonnen hatte. Er bat lediglich um alte Fotos, damit die ursprüngliche Ausstattung und die genaue Farbkombination rekonstruiert werden konnten.
Der Rost verschwand Stück für Stück
Zunächst wurde das Fahrzeug vollständig zerlegt. Türen, Leuchten, Sitze, Bodenverkleidung und zahlreiche Anbauteile wurden ausgebaut. Danach entfernten Tobias und Daniel Lack und Rost an den beschädigten Bereichen.
Für mehrere Radläufe waren keine passenden Reparaturbleche mehr erhältlich. Daniel fertigte die benötigten Teile deshalb selbst an. Er schnitt die zerstörten Abschnitte heraus, formte neue Bleche und verschweißte sie Stück für Stück mit der Karosserie.
Allein diese Arbeiten dauerten fast sechs Wochen.
Anschließend wurde die gesamte Oberfläche geschliffen und mit Rostschutz behandelt. Die reparierten Stellen erhielten mehrere dünne Schichten Grundierung. Erst als keine Unebenheiten mehr sichtbar waren, konnte der Lieferwagen vollständig in grauen Füller gehüllt werden.
Parallel dazu wurde der Motor zerlegt. Die Einspritzpumpe musste von einem Spezialbetrieb überholt werden. Außerdem erhielt das Fahrzeug neue Bremsleitungen, Radbremszylinder, Stoßdämpfer, Reifen, Schläuche und sämtliche Flüssigkeiten.
Der ursprüngliche Motor blieb erhalten. Auch das Getriebe musste nicht ersetzt werden.
Nach knapp vier Monaten sprang der Diesel zum ersten Mal wieder an. Der erste Versuch dauerte nur wenige Sekunden, dann lief der Motor unruhig weiter. Aus dem Auspuff kam zunächst eine dunkle Wolke, doch nach einigen Einstellungen stabilisierte sich die Drehzahl.
„Dieser Moment war für uns fast genauso wichtig wie die spätere Lackierung“, sagt Tobias. „Da wussten wir endgültig, dass der Wagen wieder auf die Straße zurückkehren würde.“
Die ursprüngliche Farbe sollte unbedingt bleiben
Die alten Fotos von Peter zeigten, dass der Lieferwagen schon bei der Auslieferung türkis lackiert gewesen war. Das erhöhte Dach trug einen warmen Cremeton. Tobias entschied sich, diese Kombination genau beizubehalten.
Nach der Grundierung wurden Fenster, Griffe und Leuchten sorgfältig abgeklebt. Die Karosserie erhielt mehrere Lackschichten und anschließend eine schützende Klarlackierung. Das Dach wurde separat aufgearbeitet und neu versiegelt.
Tobias verzichtete bewusst auf moderne Felgen, auffällige Scheinwerfer oder einen luxuriösen Innenausbau. Der Lieferwagen sollte nicht wie ein neues Fahrzeug aussehen, sondern wie ein hervorragend erhaltenes Exemplar aus seiner Zeit.
Die alten Stahlräder wurden gestrahlt und lackiert. Die schwarzen Stoßfänger konnten aufgearbeitet werden. Im Innenraum wurden die Sitze neu gepolstert, doch die schlichte Form und die ursprünglichen Materialien blieben erhalten.
Nach sieben Monaten und mehr als achthundert Arbeitsstunden war das Projekt abgeschlossen. Die Material- und Fremdkosten lagen bei rund 18.000 Euro. Die unzähligen Stunden von Tobias und Daniel waren darin nicht eingerechnet.
Peter glaubte zunächst, vor einem anderen Fahrzeug zu stehen
Für die Übergabe bat Tobias den früheren Besitzer unter einem Vorwand zur Werkstatt. Peter glaubte, er solle lediglich einige alte Unterlagen und Fotos erklären.
Als er den Hof betrat, stand der restaurierte Lieferwagen bereits vor dem geöffneten Werkstatttor.

Peter blieb mehrere Meter vor dem Fahrzeug stehen. Zuerst sah er Tobias an, dann wieder den Wagen. Offenbar war er überzeugt, dass es sich nur um ein ähnliches Modell handelte.
Erst als er die kleine Delle an der Innenseite der Fahrertür entdeckte, die Tobias absichtlich nicht vollständig hatte beseitigen lassen, erkannte Peter sein ehemaliges Fahrzeug.
„Die Delle entstand, als mein Sohn als Kind die Tür gegen einen Pfosten schlug“, sagte er und legte die Hand auf die Motorhaube. „Da wusste ich, dass es wirklich derselbe Wagen ist.“
Tobias übergab ihm den Schlüssel für eine kurze Probefahrt. Peter setzte sich hinter das Lenkrad, betrachtete lange das schlichte Armaturenbrett und startete schließlich den Motor.
Die erste Fahrt führte nur wenige Kilometer über ruhige Nebenstraßen. Trotzdem war Peter sichtlich bewegt, als er zurückkehrte.
Verkauft werden soll der Lieferwagen vorerst nicht. Tobias möchte ihn für kleinere Transporte und gelegentliche Ausfahrten nutzen. Für ihn liegt der Wert des Projekts ohnehin nicht in einem möglichen Verkaufspreis.
Mehr als zwanzig Jahre lang war der Wagen im Hinterhof langsam unter Moos, Rost und Unkraut verschwunden. Nun fährt er wieder – in denselben Farben wie damals und mit einem früheren Besitzer, der längst geglaubt hatte, ihn nie wiederzusehen.