Ein Taxifahrer bekam einen Auftrag in ein abgelegenes Dorf außerhalb der Stadt. Der GPS-Tracker zeigte, dass der Wagen zehn Minuten mitten auf der Straße stand. Danach verschwand das Signal – und später wurde das Taxi leer aufgefunden…

by 04impress
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Um 22.43 Uhr an einem kalten Donnerstagabend im November nahm der Taxifahrer Martin Keller seine letzte Fahrt des Tages an.

Drei Stunden später stand sein Wagen verlassen auf einer schmalen Landstraße am Rand eines kleinen Dorfes im Schwarzwald.

Die Fahrertür war nur angelehnt.

Der Schlüssel steckte noch im Zündschloss.

Martins Jacke lag auf dem Beifahrersitz.

Sein Handy wurde unter dem Fahrersitz gefunden.

Von Martin selbst fehlte jede Spur.

Doch das Seltsamste war nicht der verlassene Wagen.

Es war die GPS-Aufzeichnung.

Um 22.58 Uhr hatte das Taxi plötzlich mitten auf der Straße angehalten.

Nicht vor einem Haus.

Nicht an einer Kreuzung.

Nicht an einer Bushaltestelle.

Der Wagen stand exakt zehn Minuten und siebenundvierzig Sekunden still.

Danach setzte er sich wieder in Bewegung.

Vier Minuten später brach das GPS-Signal vollständig ab.

Martin Keller war sechsundvierzig, seit einigen Jahren geschieden und lebte allein in einer kleinen Wohnung in Freiburg. Seit fast achtzehn Jahren fuhr er Taxi. Seine Kollegen kannten ihn als vorsichtigen Mann, der selten improvisierte und noch seltener Risiken einging.

„Wenn Martin bei einem Auftrag ein komisches Gefühl hatte, hat er ihn abgelehnt“, erzählte sein Kollege Tobias später der Polizei.

Deshalb dachte sich zunächst niemand etwas dabei, als Martin die Fahrt annahm.

Auf dem Display wirkte alles völlig gewöhnlich.

Eine Frau hatte bei der Zentrale angerufen und einen Wagen von der Freiburger Innenstadt zu einer Adresse in dem abgelegenen Ort Falkenried bestellt, rund fünfzig Kilometer entfernt.

Sie nannte sich Eva Neumann.

Bezahlen wollte sie mit Karte.

Martin bestätigte den Auftrag.

Um 22.47 Uhr holte er die Frau vor einem bereits geschlossenen Blumenladen nahe dem Colombipark ab.

Eine Überwachungskamera auf der gegenüberliegenden Straßenseite zeichnete das Taxi auf.

Die Frau war nur wenige Sekunden zu sehen.

Dunkle Winterjacke.

Gestrickte Mütze.

Eine helle Stofftasche.

Als sie sich in den Wagen beugte, blieb ihr Gesicht größtenteils verborgen.

Dann fuhr das Taxi los.

Um 23.05 Uhr schickte Martin seinem Kollegen Tobias eine Sprachnachricht.

„Noch eine lange Tour Richtung Falkenried. Danach bin ich raus. Morgen Kaffee?“

Tobias antwortete nur mit einem Daumen-hoch-Emoji.

Es war die letzte Nachricht, die jemand von Martin erhielt.

Als er am nächsten Morgen um zehn Uhr nicht in ihrem Stammcafé auftauchte, war Tobias zunächst nur genervt.

Martin war nie unpünktlich.

Nach zwanzig Minuten wurde aus Ärger Unruhe.

Er rief dreimal an.

Keine Antwort.

Die Taxizentrale überprüfte schließlich das Ortungssystem.

Martins Fahrzeug war dort noch als aktiv registriert, sendete aber keine Position mehr.

Der letzte GPS-Punkt lag einige Kilometer vor Falkenried.

Die Firma verständigte die Polizei.

Kurz nach Mittag fand eine Streife das Taxi.

Es stand allerdings nicht dort, wo das GPS-Signal abgebrochen war, sondern fast zwei Kilometer weiter.

Der Wagen war äußerlich unbeschädigt.

Keine eingeschlagene Scheibe.

Kein Blut.

Keine offensichtlichen Spuren eines Kampfes.

Das Taxameter war ausgeschaltet.

Das Kartenterminal zeigte jedoch einen abgelehnten Zahlungsvorgang über 186 Euro um 23.21 Uhr.

Die Karte der Kundin war offenbar nicht akzeptiert worden.

Noch am selben Nachmittag suchten Polizeihunde die Umgebung ab.

In der Nacht hatte es stark geregnet, deshalb waren Fußspuren kaum noch erkennbar.

Trotzdem schlug einer der Hunde an einem schmalen Forstweg an, etwa hundert Meter hinter der Stelle, an der der Wagen gefunden worden war.

Die Spur führte fast siebenhundert Meter in den Wald hinein.

Dann blieb der Hund vor einem alten, dunkelroten Bauernhaus stehen.

Das Gebäude wirkte seit Jahren verlassen.

Die Fenster waren schwarz.

Ein Teil der Veranda war eingestürzt.

An der Haustür hing ein verrostetes Vorhängeschloss.

Die Beamten brachen es auf.

Drinnen fanden sie Staub, alte Möbel, Mäusespuren und eine Küche, die offenbar seit Jahren niemand benutzt hatte.

Kein Martin.

Keine Frau.

Doch auf dem Küchentisch lag etwas, das dort unmöglich seit Jahren gelegen haben konnte.

Ein Taxibeleg.

Aus Martins Wagen.

Datum: derselbe Abend.

Uhrzeit: 23.14 Uhr.

Betrag: 186 Euro.

Unter dem Beleg lag ein handgeschriebener Zettel.

Darauf standen nur vier Worte:

„Er ist doch gekommen.“

🕵️ Erst als die Ermittler überprüften, wer das Taxi tatsächlich bestellt hatte, bekam Martins Verschwinden eine völlig neue Bedeutung – die Fortsetzung steht im ersten Kommentar. 👇

Die bei der Buchung verwendete Telefonnummer gehörte zu einer Prepaid-SIM-Karte.

Sie war erst an diesem Tag an einer Tankstelle außerhalb von Offenburg gekauft worden.

Die Bilder der Überwachungskamera waren zu unscharf, um den Käufer eindeutig zu erkennen.

Doch der Name Eva Neumann führte die Polizei zu einem überraschenden Treffer.

In Falkenried hatte tatsächlich eine Frau mit diesem Namen gelebt.

Sie wäre heute achtundsiebzig Jahre alt gewesen.

Nur war sie seit fast sechs Jahren tot.

Als die Polizei ihrer Tochter das Bild der Frau vor dem Blumenladen zeigte, schüttelte diese sofort den Kopf.

„Das ist nicht meine Mutter.“

„Kennen Sie die Frau?“

Die Tochter sah länger auf das Foto.

Dann veränderte sich ihr Gesicht.

„Vielleicht.“

Sie hieß Lena Neumann.

Ihre Mutter Eva, erzählte sie, habe eine jüngere Schwester namens Ingrid gehabt.

Ingrid lebte noch immer in der Region.

Die beiden Schwestern hatten allerdings schon lange vor Evas Tod keinen Kontakt mehr gehabt.

„Warum?“

Lena zögerte.

„Wegen eines Mannes.“

Dieser Mann hieß Andreas Berger.

Anfang der 1990er-Jahre war Eva mehrere Jahre mit ihm zusammen gewesen.

Dann trennte er sich von ihr.

Kurze Zeit später begann er eine Beziehung mit Ingrid.

Die Familie zerbrach daran.

Eva sprach danach nie wieder mit ihrer Schwester.

Doch eine weitere Information ließ die Ermittler aufhorchen.

Andreas Berger hatte früher als Taxifahrer gearbeitet.

Bei genau demselben Unternehmen, bei dem später Martin angestellt wurde.

Tobias erinnerte sich noch an seinen Namen.

„Der war lange vor Martin da.“

„Warum ist er gegangen?“

Tobias senkte den Blick.

„Nach einem Unfall.“

Im Jahr 1998 hatte Andreas spätabends ein Taxi über beinahe dieselbe Landstraße gesteuert, auf der nun Martins Wagen gefunden worden war.

Eine Frau saß auf dem Rücksitz.

Das Taxi kam von der Straße ab und landete im Straßengraben.

Andreas wurde nur leicht verletzt.

Die Frau starb.

Sie hieß Maria Keller.

Sie war vierunddreißig Jahre alt.

Damals wurde der Fall als Verkehrsunfall abgeschlossen.

Doch im Ort kursierten Gerüchte.

Andreas habe getrunken.

Vielleicht sei er zu schnell gefahren.

Vielleicht sei er eingeschlafen.

Beweisen ließ sich nichts davon.

Seinen Arbeitsplatz verlor er trotzdem.

Einige Jahre später verließ er Baden-Württemberg.

Auf den ersten Blick hatte Martin Keller mit diesem alten Unfall nichts zu tun.

Bis die Polizei seine Wohnung durchsuchte.

In einem Küchenschrank fanden die Ermittler eine abgegriffene Kunststoffmappe.

Darin lagen Zeitungsausschnitte über den Unfall von 1998.

Mehrere Artikel.

Die Kopie eines alten Polizeiberichts.

Und ein vergilbtes Foto von Maria Keller.

Auf der Rückseite stand mit blauem Kugelschreiber:

Mama, Sommer 1996.

Maria Keller war Martins Mutter.

Er war achtzehn gewesen, als sie starb.

Von diesem Moment an bekam der gesamte Fall eine andere Richtung.

Martin hatte Jahre später ausgerechnet bei derselben Taxifirma angefangen, für die damals der Mann gearbeitet hatte, der am Steuer saß, als seine Mutter ums Leben kam.

Zufall?

Seine Ex-Frau Julia glaubte das nicht.

Im Verhör erzählte sie, Martin habe in den ersten Jahren ihrer Ehe häufig über den Unfall gesprochen.

„Er hat nie geglaubt, dass es einfach nur ein Unfall war.“

„Was glaubte er dann?“

„Dass Andreas gelogen hat.“

Maria hatte am Abend vor ihrem Tod eine Freundin angerufen und erwähnt, dass sie jemanden treffen müsse, der ihr bei einem ernsten Problem helfen könne.

Was für ein Problem das war, hatte sie nicht gesagt.

Als der Unfall geschah, war sie allein mit Andreas im Taxi.

Andreas behauptete danach, Maria sei lediglich eine ganz normale Kundin gewesen.

Martin hatte diese Erklärung nie akzeptiert.

Mit den Jahren sprach er seltener darüber.

Julia glaubte irgendwann, er habe seinen Frieden gefunden.

Offenbar hatte sie sich geirrt.

Die Ermittler begannen nach Andreas Berger zu suchen.

Sie stellten fest, dass er zwei Jahre zuvor in die Region zurückgekehrt war.

Er wohnte inzwischen in einem Haus außerhalb von Titisee-Neustadt.

Als die Polizei dort eintraf, war niemand da.

Nachbarn hatten ihn seit mehreren Tagen nicht gesehen.

Sein Auto stand in der Garage.

Sein Mobiltelefon lag auf dem Küchentisch.

Daneben fanden die Beamten mehrere Briefe.

Alle waren an Martin Keller adressiert.

Keiner war abgeschickt worden.

Im ersten schrieb Andreas, dass er endlich die Wahrheit über den Unfall erzählen wolle.

Im zweiten stand:

„Eigentlich hätte ich sie an diesem Abend gar nicht fahren sollen.“

Und im dritten:

„Ingrid weiß, was wirklich passiert ist.“

Nun suchte die Polizei nach Ingrid.

Sie war dreiundsiebzig und offiziell noch immer auf einem kleinen Hof knapp zehn Kilometer von Falkenried entfernt gemeldet.

Als Beamte dort klingelten, öffnete niemand.

Die Haustür war unverschlossen.

Das Gebäude war leer.

Auf dem Küchentisch stand eine Tasse mit eingetrocknetem Kaffee.

An der Garderobe fehlte eine dunkle Winterjacke.

Im Schlafzimmer lag eine helle Stofftasche.

Sie ähnelte exakt jener Tasche, die die unbekannte Frau auf der Aufnahme aus Freiburg getragen hatte.

Doch auch Ingrid war verschwunden.

Nun wurden zwei Menschen vermisst.

Martin und Ingrid.

Die Polizei ging zunehmend davon aus, dass Ingrid die Taxifahrt unter dem Namen ihrer verstorbenen Schwester gebucht und Martin gezielt nach Falkenried gelockt hatte.

Nur weshalb?

Die Antwort versteckte sich in alten Akten aus dem Jahr 1998.

Maria Keller und Ingrid Neumann hatten sich gekannt.

Nicht besonders gut.

Aber beide hatten zeitweise in demselben Pflegeheim in Freiburg gearbeitet.

Einige Wochen vor dem Unfall hatte Maria entdeckt, dass von den Konten mehrerer Bewohner kleinere Geldbeträge verschwanden.

Unauffällige Summen.

Immer wieder Bargeldabhebungen.

Maria verdächtigte Ingrid, die damals hohe Schulden hatte.

Sie kündigte ihrer Vorgesetzten an, die Sache offiziell melden zu wollen.

Doch bevor eine interne Untersuchung beginnen konnte, starb Maria bei dem Taxiunfall.

Der Verdacht gegen Ingrid verlief im Sand.

Niemand stellte damals eine Verbindung zwischen den beiden Ereignissen her.

Bis jetzt.

Noch in derselben Nacht meldete sich Andreas Berger anonym bei der Polizei.

Er wollte seinen Aufenthaltsort zunächst nicht nennen.

Aber er wollte reden.

„Ich saß am Steuer“, sagte er. „Aber ich hätte Maria an diesem Abend niemals fahren sollen.“

Die ursprüngliche Fahrt war von Ingrid organisiert worden.

Sie hatte Andreas gebeten, Maria abzuholen und zu einem Haus außerhalb von Falkenried zu bringen.

Andreas führte damals heimlich eine Beziehung mit Ingrid.

Während der Fahrt erzählte Maria ihm, weshalb sie unterwegs war.

Sie wollte Ingrid zur Rede stellen und sie dazu bringen, die Geldentnahmen zuzugeben.

Als Andreas begriff, was bevorstand, geriet er in Panik.

Wenn Ingrid aufflog, würde wahrscheinlich auch seine Beziehung zu ihr bekannt werden.

Und damit würde Eva erfahren, dass ihre eigene Schwester sie hintergangen hatte.

Andreas und Maria stritten sich im Wagen.

Maria verlangte, sofort auszusteigen.

Andreas drehte sich zu ihr um.

Für einen Moment geriet das Fahrzeug auf die Gegenfahrbahn.

Er riss das Lenkrad herum.

Das Taxi schoss in den Graben.

Maria starb noch an der Unfallstelle.

„Es war ein Unfall“, sagte Andreas am Telefon immer wieder. „Aber alles danach war gelogen.“

Ingrid hatte ihn überredet zu behaupten, Maria sei bloß eine gewöhnliche Kundin gewesen.

Niemand sollte erfahren, wohin Maria an diesem Abend wirklich wollte.

Andreas schwieg.

Fast drei Jahrzehnte lebte er mit dieser Lüge.

Nachdem er wieder in die Region gezogen war, beschloss er schließlich, Martin zu kontaktieren und ihm alles zu erzählen.

Irgendwie erfuhr Ingrid davon.

Und dann handelte sie.

Die Polizei konnte Andreas’ Anruf zurückverfolgen.

Er befand sich in einer kleinen Pension bei Lörrach.

Er wurde nicht festgenommen, sondern zunächst als wichtiger Zeuge vernommen.

Seine erste Frage lautete:

„Habt ihr Martin gefunden?“

Nein.

Aber Andreas kannte einen möglichen Ort.

Das alte Bauernhaus, in dem der Taxibeleg gefunden worden war, hatte früher Ingrid und Evas Vater gehört.

Hinter dem Grundstück führte ein alter Forstweg zu einem stillgelegten Steinbruch.

Die Polizei hatte das Gelände bereits teilweise durchsucht.

Andreas erwähnte jedoch eine verlassene Jagdhütte tiefer im Wald.

Auf modernen Karten war sie nicht mehr eingezeichnet.

Noch vor Sonnenaufgang machten sich eine Streife und ein Hundeführer auf den Weg.

Die Hütte lag hinter dichten Fichten und war von der Straße kaum zu sehen.

Die Tür war von außen verriegelt.

Aus dem Inneren kamen schwache Klopfgeräusche.

Als die Beamten die Tür aufbrachen, fanden sie Martin.

Er war unterkühlt und stark dehydriert, aber am Leben.

Ein Handgelenk war mit einem Seil an einem alten Heizkörper befestigt.

Neben ihm lagen eine leere Wasserflasche und eine Decke.

Von Ingrid fehlte jede Spur.

Später erzählte Martin, was in jener Nacht geschehen war.

Die Frau im Taxi war tatsächlich Ingrid gewesen.

Er hatte sie zuvor nie persönlich gesehen.

Sie hatte die Fahrt absichtlich unter Evas Namen bestellt, weil sie wusste, dass Martin diesen Namen aus seinen jahrelangen Nachforschungen kannte.

Als sie während der Fahrt sagte, sie wisse etwas über den Tod seiner Mutter, hielt Martin an.

Genau dort, mitten auf der Landstraße.

Zehn Minuten lang sprachen sie im Wagen.

Dann behauptete Ingrid, in dem alten Bauernhaus lägen Dokumente, die beweisen würden, was 1998 wirklich passiert war.

Martin fuhr mit ihr dorthin.

Die Dokumente existierten nicht.

Stattdessen zog Ingrid einen alten Revolver hervor, der früher ihrem Vater gehört hatte.

Sie zwang Martin zurück zum Taxi und setzte sich selbst ans Steuer.

Deshalb bewegte sich der Wagen nach den zehn Minuten wieder.

Ingrid hatte bereits das Stromkabel des GPS-Geräts entfernt, wusste aber nicht, dass es einen kleinen Reserveakku besaß.

Erst als dieser Akku leer war, verschwand das Signal.

An dem Forstweg zwang sie Martin, auszusteigen und zur Jagdhütte zu gehen.

Martin glaubte später nicht, dass sie vorhatte, ihn zu töten.

„Sie sagte, sie brauche nur Zeit.“

„Wofür?“

„Um Andreas zu finden, bevor die Polizei ihn findet.“

Ingrid fürchtete weniger eine mögliche Anklage wegen der alten Geldentnahmen.

Nach so vielen Jahren waren Beweise dünn und vieles juristisch längst schwierig geworden.

Was sie wirklich fürchtete, war die Wahrheit über Maria.

Fast ihr gesamtes Erwachsenenleben hatte Ingrid mit einer bequemeren Geschichte gelebt: Sie war die Frau, die irgendwann mit dem ehemaligen Partner ihrer Schwester zusammenkam.

Nicht die Frau, deren Lügen dazu beigetragen hatten, die wahren Umstände des Todes einer jungen Mutter jahrzehntelang zu verbergen.

Zwei Tage später wurde Ingrid gefunden.

Sie saß in ihrem Auto auf einem Rastplatz nahe der französischen Grenze.

Sie leistete keinen Widerstand.

Der Revolver lag im Kofferraum.

Als ein Ermittler sie fragte, weshalb sie Martin nicht getötet habe, antwortete sie:

„Ich wollte nicht, dass dieselbe Familie wegen mir zwei Menschen beerdigen muss.“

Vielleicht war das die letzte Grenze, die sie sich selbst noch gesetzt hatte.

Martin kehrte nie wieder in seinen Beruf zurück.

Einige Monate später verkaufte er seine Wohnung und zog näher zu seiner Tochter nach Karlsruhe.

Andreas traf er danach genau einmal.

Sie saßen fast zwei Stunden in einem kleinen Café am Titisee.

Keiner der beiden hat je erzählt, worüber sie genau gesprochen haben.

Als Martin anschließend nach Hause kam, trug er einen alten Umschlag bei sich.

Darin lag die Armbanduhr seiner Mutter.

Andreas hatte sie nach dem Unfall 1998 im Taxi gefunden und fast dreißig Jahre lang aufbewahrt.

Auf der Rückseite befand sich ein kleiner Kratzer.

Martin erkannte ihn sofort.

Er hatte die Uhr als Kind einmal in der Küche fallen lassen und genau diese Spur verursacht.

Zum ersten Mal besaß er etwas Greifbares aus der letzten Nacht seiner Mutter, das nicht aus einem Polizeibericht oder einem alten Zeitungsausschnitt stammte.

Im folgenden Jahr fuhr Tobias zufällig durch Falkenried und kam an der Stelle vorbei, an der Martins Taxi in jener Novembernacht gestanden hatte.

Dort war nichts Besonderes.

Nur feuchter Asphalt, dunkler Wald und ein altes Verkehrsschild, das leicht schief im Boden stand.

Tobias rief Martin an.

„Bin gerade an der Stelle vorbeigefahren.“

Martin schwieg einige Sekunden.

Dann sagte er:

„Schon verrückt, oder?“

„Was?“

„Fast dreißig Jahre lang habe ich nach der Wahrheit über die letzte Taxifahrt meiner Mutter gesucht.“

Er lachte kurz, aber ohne Freude.

„Am Ende war es mein eigenes Taxi, das mich dorthin gebracht hat.“

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