Eine Gruppe von Touristen verschwand spurlos im Wald. Jahre später wurde ihr Fotoapparat unversehrt gefunden – die letzten Aufnahmen auf dem Film zwangen die Ermittler dazu, den Fall neu aufzurollen…

by 04impress
555 views

Sie verschwanden während einer Wochenendwanderung im Harz – acht Jahre später tauchte ihre Kamera auf, und die letzten Bilder passten zu keiner der damaligen Ermittlungen

Als Kriminalhauptkommissarin Miriam Vogt an einem regnerischen Dienstagmorgen im Oktober den alten gelben Umschlag auf ihren Schreibtisch gelegt bekam, erkannte sie den Namen auf dem Etikett sofort.

„Wandergruppe Falkenweg“.

Acht Jahre waren vergangen.

Acht Jahre, seit vier Menschen an einem Samstagmorgen von einem kleinen Parkplatz bei Schierke zu einer Wanderung aufgebrochen und nie zurückgekehrt waren.

Keine Leichen.

Keine Rucksäcke.

Keine eindeutigen Spuren.

Nur ein dunkelblauer VW Touran, der drei Tage später noch immer verschlossen auf demselben Parkplatz gestanden hatte.

Miriam hatte damals als junge Ermittlerin an der Suche teilgenommen. Hunderte Einsatzkräfte waren durch den Wald gegangen. Polizeihunde hatten Wege abgesucht, Hubschrauber waren über die Baumkronen geflogen, Feuerwehrleute hatten alte Schächte und steile Hänge kontrolliert.

Nichts.

Irgendwann war die Suchaktion eingestellt worden.

Nun lag vor ihr ein Gegenstand, von dem in der alten Akte immer wieder die Rede gewesen war.

Eine analoge Kleinbildkamera.

Eine schwarze Nikon, überraschend gut erhalten.

„Woher?“, fragte Miriam.

Ihr Kollege Daniel Kern zog einen Stuhl heran.

„Gefunden bei Forstarbeiten. Etwa sieben Kilometer südöstlich vom damaligen Suchgebiet.“

Miriam sah auf.

„Sieben Kilometer?“

„Ja. Ein Arbeiter hat unter einer umgestürzten Fichte eine alte Metallkiste entdeckt. Die Kamera lag darin, eingewickelt in zwei Plastiktüten.“

„Metallkiste?“

Daniel nickte.

„Und genau deshalb ist es interessant. Das Ding lag nicht zufällig dort.“

Die ursprüngliche Wandergruppe bestand aus vier Personen.

Stefan Krüger, 42, Ingenieur aus Hannover.

Seine Lebensgefährtin Anne Feld, 39, Physiotherapeutin.

Stefans jüngerer Bruder Lukas, 35, selbstständiger Fotograf.

Und dessen damalige Freundin Jana Ritter, 31, Grundschullehrerin aus Braunschweig.

Sie hatten sich am Freitagabend in einer kleinen Pension in Schierke eingemietet. Die Besitzerin erinnerte sich später, dass alle vier freundlich und unauffällig gewesen seien.

Am Samstag gegen halb neun hatten sie gefrühstückt.

Um 9.17 Uhr bezahlte Stefan an einem kleinen Laden zwei Flaschen Wasser und Müsliriegel.

Um 9.42 Uhr fotografierte eine Überwachungskamera den VW auf dem Wanderparkplatz.

Danach verlor sich ihre Spur.

Sie wollten eigentlich eine Route Richtung Elend und zurück über mehrere Waldwege gehen. Etwa fünf Stunden, höchstens sechs.

Als sie am Abend nicht in der Pension erschienen, dachte die Besitzerin zunächst nichts dabei.

Am Sonntagmorgen wurden die Zimmer noch immer nicht benutzt.

Dann rief sie die Polizei.

Zunächst vermutete man einen Unfall.

Später wurde aus dem Unfall eine Vermisstensache.

Und irgendwann entstanden die üblichen Theorien.

Vielleicht hatten sie sich verirrt.

Vielleicht war jemand verletzt worden.

Vielleicht waren sie in einen alten Bergbauschacht geraten.

Vielleicht gab es Streit.

Besonders Lukas Krüger geriet zeitweise ins Zentrum der Ermittlungen, weil er hohe Schulden hatte. Man fand heraus, dass er wenige Wochen vor dem Verschwinden mehrere Mahnungen erhalten hatte.

Doch auch er war verschwunden.

Sein Konto wurde nie wieder benutzt.

Seine Wohnung blieb unverändert.

Sein Pass lag zu Hause.

Nach zwei Jahren wurde die Akte praktisch zu einem kalten Fall.

Bis die Kamera gefunden wurde.

Das Filmmaterial war noch vorhanden.

Ein Speziallabor in Hamburg entwickelte die Rolle vorsichtig. Von 36 möglichen Aufnahmen waren 29 verwendbar.

Die ersten Bilder wirkten vollkommen harmlos.

Stefan vor der Pension.

Anne mit einer Kaffeetasse am Frühstückstisch.

Lukas, der vor dem Eingang grinste.

Jana im Wald neben einem Wegweiser.

Dann Fotos von Bäumen, Nebel, Felsen und schmalen Wegen.

Nichts davon wirkte ungewöhnlich.

Bild Nummer 18 änderte alles.

Darauf standen die vier nicht mehr gemeinsam.

Stefan und Anne waren zu sehen, wenige Meter vor der Kamera.

Beide blickten nicht in das Objektiv.

Sie schauten nach links in den Wald.

Stefans Gesicht wirkte angespannt.

Anne hielt eine Hand vor den Mund.

Bild 19 zeigte fast denselben Ort.

Doch jetzt stand dort ein Mann zwischen den Bäumen.

Nur teilweise sichtbar.

Dunkle Jacke.

Graue Hose.

Kein Rucksack.

Miriam ließ das Foto mehrfach vergrößern.

Das Gesicht blieb unscharf.

„Vielleicht ein anderer Wanderer“, sagte Daniel.

„Vielleicht.“

Bild 20 zeigte einen schmalen Waldweg.

Bild 21 eine alte Forsthütte.

Bild 22 war aus größerer Entfernung aufgenommen worden. Vor der Hütte stand ein weißer Transporter.

Und auf dessen Seite war noch ein verblasstes Firmenlogo zu erkennen.

Miriam kannte den Namen.

Nicht aus der Vermisstenakte.

Aus einer anderen Ermittlung.

Die Firma „Riedel Forstservice“ hatte bis 2017 im Harz gearbeitet. Kurz danach war das Unternehmen aufgelöst worden.

Der Geschäftsführer hieß damals Karl-Heinz Riedel.

Miriam suchte in den alten Unterlagen.

Riedel war 2018 wegen illegaler Entsorgung von Chemikalien und Baumaterialien zu einer Geld- und Bewährungsstrafe verurteilt worden.

Der Ort dieser illegalen Ablagerungen lag nur wenige Kilometer von der Stelle entfernt, an der die Kamera gefunden worden war.

Und plötzlich bekam ein acht Jahre alter Vermisstenfall eine völlig andere Richtung.

📷 Was auf den nächsten Aufnahmen zu erkennen war, führte die Ermittler zu einer Spur, die damals niemand überprüft hatte – die ganze Geschichte steht im ersten Kommentar. 👇

Bild 23 war verwackelt.

Lukas musste sich bewegt haben, als er fotografierte.

Man sah Stefan, der mit einem unbekannten Mann sprach.

Der Mann trug dieselbe dunkle Jacke wie die Person auf Bild 19.

Bild 24 zeigte den Boden.

Bild 25 war beinahe schwarz.

Bild 26 zeigte wieder die Hütte.

Aber diesmal stand Stefan direkt vor dem Eingang.

Hinter ihm war eine weitere Person zu erkennen.

Ein älterer Mann mit kräftiger Statur.

Daniel verglich das Gesicht mit alten Pressefotos von Karl-Heinz Riedel.

Die Ähnlichkeit war deutlich.

„Wenn das wirklich Riedel ist“, sagte er, „dann müssen wir wissen, was diese vier dort gesehen haben.“

Riedel lebte inzwischen bei Goslar.

Er war 67 Jahre alt und offiziell Rentner.

Als Miriam und Daniel ihn aufsuchten, saß er hinter einem gepflegten Reihenhaus auf einer Terrasse und schnitt verblühte Rosen zurück.

Er reagierte erstaunlich ruhig auf ihre Fragen.

„Natürlich kenne ich die Hütte“, sagte er. „Die war damals Teil unseres Arbeitsbereichs.“

„Und die vier Vermissten?“

„Nie gesehen.“

Miriam legte eine Kopie des Fotos auf den Gartentisch.

Riedel betrachtete es.

Sein Gesicht veränderte sich kaum.

„Das könnten hundert Leute sein.“

„Der Mann sieht Ihnen ziemlich ähnlich.“

„Vor acht Jahren sahen viele Männer mit grauen Haaren ähnlich aus.“

Er lächelte dabei.

Nicht spöttisch.

Eher kontrolliert.

„Warum haben Sie damals nicht erwähnt, dass Sie an diesem Wochenende dort gearbeitet haben?“

Zum ersten Mal schwieg er länger.

„Weil mich niemand gefragt hat.“

Das stimmte tatsächlich.

Die Polizei hatte damals andere Gebiete durchsucht.

Die Hütte lag außerhalb der angenommenen Wanderroute.

Miriam fragte:

„Warum sollten vier erfahrene Wanderer sieben Kilometer von ihrer geplanten Strecke abweichen?“

Riedel zuckte mit den Schultern.

„Fragen Sie sie.“

Zwei Tage später erhielten die Ermittler einen Durchsuchungsbeschluss für das Gelände rund um die alte Forsthütte.

Das Gebäude selbst stand leer.

Die Fenster waren eingeschlagen.

Das Dach war teilweise eingestürzt.

Aber hinter der Hütte fanden die Beamten etwas, das auf den alten Karten nicht verzeichnet war.

Eine schmale Zufahrt.

Fast vollständig überwachsen.

Sie führte etwa 400 Meter tiefer in den Wald zu einer Senke.

Dort lag unter Erde und dichtem Gestrüpp eine große Betonplatte.

Ein Beamter der technischen Einheit erkannte sofort, dass sie nicht alt war.

Darunter befand sich ein ehemaliger Versorgungsschacht aus DDR-Zeiten.

Er war nach der Wiedervereinigung stillgelegt worden.

Riedels Firma hatte Jahre später offenbar Zugang zu dem Gelände gehabt.

Am nächsten Morgen wurde die Platte mit schwerem Gerät angehoben.

Im Schacht lagen Fässer.

Rostige Kanister.

Bauschutt.

Und mehrere zerbrochene Kunststoffbehälter.

Doch keine menschlichen Überreste.

Miriam spürte trotzdem, dass sie näher gekommen waren.

Die Analyse des Bodens bestätigte eine Mischung aus Lösungsmitteln, Lacken und Industriechemikalien.

Illegale Entsorgung.

Genau die Art von Vergehen, für die Riedel später verurteilt worden war.

Aber das erklärte nicht das Verschwinden von vier Menschen.

Dann kam Bild Nummer 27.

Das Labor hatte lange gebraucht, um es zu rekonstruieren.

Es war unterbelichtet.

Auf den ersten Blick zeigte es nur den Innenraum der Hütte.

Doch nach digitaler Aufhellung erkannte man einen Tisch.

Darauf lagen Unterlagen.

Mehrere Lieferscheine.

Kanister.

Und im Hintergrund stand Jana.

Sie hielt ihr Mobiltelefon hoch.

Als würde sie etwas fotografieren.

Miriam begriff, was passiert sein könnte.

Die Gruppe war vermutlich zufällig auf die illegale Ablagerungsstelle gestoßen.

Vielleicht hatten sie den Transporter gesehen.

Vielleicht hatten sie den Geruch bemerkt.

Vielleicht hatten sie einfach aus Neugier die Hütte betreten.

Und dann hatten sie dokumentiert, was dort geschah.

Aber selbst das beantwortete noch nicht die entscheidende Frage.

Wo waren sie?

Riedel wurde erneut vorgeladen.

Dieses Mal zeigte Miriam ihm Bild 27.

Er schwieg fast eine Minute.

Dann sagte er:

„Ich will einen Anwalt.“

Am nächsten Tag meldete sich eine Frau bei der Polizei.

Sie hieß Sabine Riedel.

Karl-Heinz‘ jüngere Schwester.

„Ich habe von der Durchsuchung gehört“, sagte sie am Telefon. „Es gibt etwas, das Sie wissen müssen.“

Sie trafen sich in einem Café am Bahnhof von Goslar.

Sabine war 63 und wirkte nervös.

Sie hatte eine kleine Mappe dabei.

„Mein Bruder hatte damals einen Mitarbeiter“, sagte sie. „Thomas Mertens.“

Der Name war in mehreren Firmenunterlagen aufgetaucht.

Mertens war Fahrer und Lagerarbeiter gewesen.

„Er ist kurz nach diesem Wochenende verschwunden.“

Miriam sah sie an.

„Verschwunden?“

„Nicht offiziell. Er hat gekündigt. Angeblich ist er nach Polen gezogen.“

„Woher wissen Sie das?“

„Das hat mein Bruder gesagt.“

Sabine schob die Mappe über den Tisch.

Darin lag eine Kopie eines alten Briefes.

Thomas Mertens hatte ihn an Sabine geschrieben.

Sie hatten damals heimlich eine Beziehung.

Der Brief war auf den Montag nach dem Verschwinden der Wandergruppe datiert.

Nur drei Sätze waren wirklich wichtig.

„Es ist etwas passiert im Wald. Karl-Heinz sagt, ich soll den Mund halten. Ich kann nicht schlafen, weil ich immer wieder die Frau schreien höre.“

Miriam spürte, wie ihr Herz schneller schlug.

„Warum sind Sie damit nie zur Polizei gegangen?“

Sabine begann zu weinen.

„Weil mein Bruder mir sagte, Thomas hätte die Firma bestohlen und sei abgehauen. Ich hatte Angst. Und später dachte ich, der Brief hätte vielleicht mit etwas anderem zu tun.“

Thomas Mertens wurde innerhalb von zwei Tagen gefunden.

Nicht in Polen.

In Magdeburg.

Er lebte seit Jahren unter seinem richtigen Namen.

Arbeitete als Hausmeister.

Verheiratet.

Zwei Kinder.

Als die Polizei vor seiner Tür stand, musste niemand lange erklären, warum sie gekommen war.

Er setzte sich auf einen Stuhl und sagte:

„Ich wusste, dass das irgendwann passiert.“

Seine Aussage dauerte fast sieben Stunden.

Und sie veränderte den gesamten Fall.

Die Wandergruppe hatte tatsächlich die Hütte entdeckt.

Lukas hatte den Transporter fotografiert.

Jana hatte in der Hütte Unterlagen gesehen und mit ihrem Handy aufgenommen.

Riedel und Mertens waren dort gewesen.

Es kam zum Streit.

Aber laut Mertens hatte niemand die vier ermordet.

„Karl-Heinz hat ihnen gedroht“, sagte er. „Er wollte die Kameras und Handys.“

Stefan weigerte sich.

Dann schlug Riedel ihm ins Gesicht.

Anne schrie.

Lukas rannte weg.

„Und dann?“

Mertens starrte auf den Boden.

„Dann ist alles eskaliert.“

Lukas floh mit der Kamera in den Wald.

Stefan und die beiden Frauen liefen hinterher.

Riedel jagte ihnen mit dem Transporter über einen Forstweg nach.

Mertens saß daneben.

Nach vielleicht zwei Kilometern verloren sie die Gruppe aus den Augen.

„Wir fanden später nur einen Rucksack.“

„Wo?“

„An einem Hang.“

„Und die Menschen?“

Mertens schüttelte den Kopf.

„Nie.“

Miriam glaubte ihm zunächst nicht.

Doch die weiteren Untersuchungen stützten seine Aussage.

Dann fiel ihr etwas auf.

Die Kamera war sieben Kilometer entfernt gefunden worden.

Nicht zwei.

Jemand musste nach der Verfolgung weitergelaufen sein.

Bild 28 war das letzte einigermaßen erkennbare Foto.

Es zeigte einen Wegweiser.

„Königshütte 4,8 km.“

Der damalige Suchbereich lag in der anderen Richtung.

Die vier waren nach der Auseinandersetzung offenbar nicht zurück zum Parkplatz gelaufen.

Sie hatten versucht, einen Ort zu erreichen.

Das letzte Bild, Nummer 29, war fast vollständig verwackelt.

Man sah nur Bäume.

Und einen hellen Fleck.

Miriam starrte lange darauf.

Dann erkannte sie, was es war.

Eine Warnbake.

Rot-weiß gestreift.

Sie ließ alte Forstkarten besorgen.

In jenem Herbst hatte es wegen schwerer Regenfälle mehrere gesperrte Waldwege gegeben.

Nur eine Baustelle in diesem Gebiet verwendete genau solche Warnbaken.

Eine kleine Brücke über einen tief eingeschnittenen Bach wurde erneuert.

Die Baustelle war damals wegen Hochwassers kurzfristig stillgelegt worden.

Zwei Tage später standen Miriam und Daniel dort.

Die moderne Brücke sah völlig harmlos aus.

Ein Bauingenieur zeigte ihnen alte Unterlagen.

Die frühere Behelfsbrücke hatte damals neben der heutigen Trasse gelegen.

Darunter verlief eine enge Schlucht.

Nach tagelangem Regen führte der Bach ungewöhnlich viel Wasser.

Taucher und Bergungskräfte suchten den Bereich systematisch ab.

Am dritten Tag fanden sie unter Geröll einen stark beschädigten Rucksack.

Darin lagen metallene Schlüssel.

Einer passte zu Stefan Krügers Haus.

Am folgenden Morgen entdeckten sie menschliche Knochen.

Dann weitere.

Die gerichtsmedizinische Untersuchung dauerte Wochen.

Schließlich stand fest:

Drei der vier Vermissten waren in der Schlucht ums Leben gekommen.

Stefan.

Anne.

Jana.

Ihre Verletzungen passten zu einem schweren Sturz.

Lukas fehlte.

Doch seine Kamera war Jahre später mehrere Kilometer entfernt gefunden worden.

Miriam ließ die Strecke zwischen Schlucht und Fundort erneut absuchen.

In einer alten Jagdhütte entdeckte ein Beamter eingeritzte Initialen.

L.K.

Darunter ein Datum.

Zwei Tage nach dem Verschwinden.

Das bedeutete, Lukas hatte überlebt.

Mindestens zwei Tage.

Warum hatte er keine Hilfe geholt?

Die Antwort kam durch einen weiteren Zufall.

Eine ältere Frau aus Wernigerode sah einen Bericht über die neuen Ermittlungen und meldete sich.

Sie hatte damals eine kleine Ferienwohnung vermietet.

„Bei mir war ein Mann“, sagte sie.

„Wann?“

„Sonntagabend. Oder Montagmorgen. Ich weiß es nicht mehr genau.“

Der Mann sei völlig durchnässt gewesen.

Verletzt.

Verwirrt.

Er habe Bargeld bezahlt und nur eine Nacht bleiben wollen.

„Er hatte Angst“, sagte die Frau. „Nicht davor, dass ihm jemand folgt. Eher vor dem, was passiert war.“

Am nächsten Morgen war er weg.

Auf dem Nachttisch hatte er einen Zettel hinterlassen.

Darauf standen drei Wörter:

„Ich konnte nicht.“

Jahrzehntelang hatte niemand gewusst, was damit gemeint war.

Miriam vermutete nun, dass Lukas beim Sturz seiner Freunde dabei gewesen war.

Vielleicht hatte er versucht, ihnen zu helfen.

Vielleicht war es unmöglich gewesen.

Vielleicht hatte er geglaubt, Riedel werde ihn suchen.

Sein weiterer Weg ließ sich nicht vollständig rekonstruieren.

Doch über alte Melderegister fanden die Ermittler schließlich einen Eintrag in Dänemark.

Ein Mann namens Lars Kristianen.

Geburtsdatum identisch.

Geburtsort Hannover.

Das Foto auf dem Antrag ließ keinen Zweifel.

Lukas Krüger lebte.

Er war 43 Jahre alt.

Inzwischen arbeitete er in Aarhus in einem kleinen Fotolabor.

Als Miriam ihn dort traf, erkannte er sofort, warum sie gekommen war.

Er setzte sich hinter den Verkaufstresen und schloss die Augen.

„Sie haben die Kamera gefunden.“

Es war keine Frage.

Lukas erzählte den Rest.

Nachdem seine Freunde in der Dunkelheit von dem beschädigten Weg abgekommen waren, war der Boden unter ihnen weggebrochen.

Er selbst hatte sich an einer Wurzel festhalten können.

Die anderen drei stürzten in die Schlucht.

Er hörte Anne noch rufen.

Dann nur noch Wasser.

Er versuchte hinunterzuklettern, rutschte ab, verletzte sich am Knie und geriet in Panik.

„Ich dachte, Riedel kommt zurück“, sagte er.

Also lief er.

Stundenlang.

Später versteckte er die Kamera in einer Metallkiste, die er bei einem alten Jagdstand fand.

„Warum?“

„Weil ich dachte, dass die Bilder beweisen, warum wir dort waren.“

„Warum sind Sie nicht zur Polizei gegangen?“

Lukas sah Miriam lange an.

„Weil ich ihnen gesagt hatte, wir sollten zu dieser Hütte gehen.“

Es war seine Idee gewesen.

Er hatte den Transporter gesehen.

Er war neugierig geworden.

Die anderen wollten eigentlich zurück.

Lukas überredete sie.

Nach dem Unfall gab er sich selbst die Schuld.

Er bekam Angst vor Riedel.

Angst vor der Polizei.

Angst vor den Familien.

Und irgendwann wurde aus einer Nacht auf der Flucht ein neues Leben.

„Meine Mutter starb und dachte, ich sei tot“, sagte Miriam.

Lukas begann zu weinen.

„Ich weiß.“

„Ihr Bruder hat acht Jahre lang gehofft.“

„Ich weiß.“

„Und trotzdem haben Sie nie angerufen.“

„Ich wusste irgendwann nicht mehr, wie.“

Karl-Heinz Riedel wurde nicht wegen Mordes angeklagt.

Dafür gab es keine Beweise.

Doch wegen Nötigung, gefährlicher Körperverletzung, illegaler Entsorgung und verschiedener weiterer Delikte wurde erneut gegen ihn ermittelt.

Thomas Mertens sagte gegen ihn aus.

Die wichtigste Wahrheit war jedoch eine andere.

Vier Menschen waren damals im Wald verschwunden.

Drei hatten ihr Leben verloren.

Der vierte hatte überlebt und sich aus Schuld selbst aus seinem bisherigen Leben gelöscht.

Einige Monate später stand Miriam auf dem Friedhof in Hannover.

Stefan, Anne und Jana waren inzwischen beigesetzt worden.

Lukas stand etwas abseits.

Zum ersten Mal seit acht Jahren neben seinem älteren Bruder.

Er legte die alte Nikon auf den Grabstein.

Nicht die Kamera selbst, sondern nur den abgenutzten Lederriemen.

Die Kamera hatte die Staatsanwaltschaft noch als Beweismittel.

„Ich dachte immer, die Fotos würden irgendwann erklären, was passiert ist“, sagte er leise.

Miriam sah zu den drei Namen auf dem Stein.

„Das haben sie.“

Lukas schüttelte den Kopf.

„Nein.“

Er strich mit den Fingern über den Riemen.

„Sie haben nur gezeigt, wo wir waren.“

Dann sah er zu den Gräbern.

„Warum ich acht Jahre lang nicht zurückgekommen bin, kann kein Foto erklären.“

Und genau das war am Ende der Teil des Falls, den keine Kamera festhalten konnte.

Diese Website verwendet Cookies, um Ihr Erlebnis zu verbessern. Wir gehen davon aus, dass Sie damit einverstanden sind. Sie können die Verwendung von Cookies jedoch ablehnen, wenn Sie dies wünschen. Akzeptieren Mehr lesen

Privacy & Cookies Policy