Mein Mann führte zwölf Jahre lang pedantisch über jeden Cent Buch und verlangte sogar für Brot einen Kassenbon. Am Tag der Scheidung zeigte der Wirtschaftsprüfer, wohin die 400.000 Euro wirklich geflossen waren

by 04impress
38 views

Als der Wirtschaftsprüfer die Zahl „398.760 Euro“ an die Wand projizierte, hörte mein Mann zum ersten Mal seit zwölf Jahren auf, mich nach einem Beleg zu fragen.

Michael saß zwei Plätze weiter am langen Konferenztisch einer Kanzlei in Düsseldorf. Vor ihm lagen zwei sauber beschriftete Aktenordner, ein schwarzer Füller und sein Handy, exakt parallel zur Tischkante.

So war er immer gewesen.

Ordentlich.

Berechenbar.

Kontrolliert.

Wenn ich samstags beim Bäcker in Oberkassel zwei Brötchen und ein Roggenbrot gekauft hatte, fragte er beim Frühstück:

– Hast du den Bon?

Wenn ich den Parkautomaten mit Münzen bezahlt hatte:

– Schreib es wenigstens auf.

Wenn unsere Tochter Hannah in der Schule fünf Euro für eine Klassenkasse brauchte:

– Gibt es dafür eine Bestätigung?

Anfangs hatte ich darüber gelacht.

Später hatte ich mich daran gewöhnt.

Und irgendwann hatte ich begonnen, mich dafür zu rechtfertigen, wenn in meiner Handtasche ein Kassenbon fehlte.

An diesem Morgen, zwölf Jahre nach unserer Hochzeit, saß Michael jedoch vollkommen still.

Der Wirtschaftsprüfer, Dr. Adrian Keller, klickte auf die nächste Folie.

Mehrere Konten erschienen.

Überweisungen.

Darlehensverträge.

Umbuchungen.

Zahlungen an eine GmbH, deren Namen ich noch nie gehört hatte.

„Rheinblick Projektentwicklung GmbH“.

Ich beugte mich nach vorne.

– Was ist das?

Michael räusperte sich.

Seine Anwältin legte ihm kurz die Hand auf den Unterarm.

– Frau Werner, lassen Sie Herrn Dr. Keller bitte zunächst ausführen.

„Frau Werner.“

Noch vor wenigen Monaten hatte ich denselben Nachnamen wie Michael getragen.

In meinem Kopf war ich aber längst wieder Clara Neumann.

Dr. Keller zeigte mit einem Laserpointer auf eine Reihe roter Zahlen.

– Zwischen März 2018 und November 2025 wurden aus verschiedenen Vermögenspositionen insgesamt knapp vierhunderttausend Euro in diese Gesellschaft transferiert.

Ich sah zu Michael.

– Aus welchen Vermögenspositionen?

Niemand antwortete sofort.

Dann sagte Dr. Keller:

– Unter anderem aus Konten, die während Ihrer Ehe mit gemeinschaftlich erwirtschafteten Mitteln gespeist wurden.

Mir wurde heiß.

Michael hob endlich den Kopf.

– Das klingt dramatischer, als es ist.

Dieser Satz war typisch für ihn.

Michael hatte die seltene Gabe, jede Katastrophe so auszusprechen, als handele es sich um eine falsch sortierte Rechnung.

Ich sah ihn an.

– Dann erklär es mir undramatisch.

Er schwieg.

Um zu verstehen, warum diese Zahl mich beinahe mehr erschütterte als die Scheidung selbst, muss man wissen, wie unser gemeinsames Leben begonnen hatte.

Michael und ich lernten uns 2012 bei einem Sommerfest eines Versicherungsunternehmens in Köln kennen.

Ich arbeitete damals im Personalwesen, er im Controlling.

Er war nicht der Mann, der einen Raum betrat und sofort alle Blicke auf sich zog.

Aber er bemerkte alles.

Wer sein Glas stehen ließ.

Wer zu spät kam.

Wie viele Häppchen noch auf einer Platte lagen.

Als wir später am Rheinufer entlanggingen, sagte er:

– Ich mag Dinge, die nachvollziehbar sind.

– Menschen sind selten nachvollziehbar.

– Vielleicht gefällt mir gerade deshalb mein Beruf.

Ich fand seine Genauigkeit damals beruhigend.

📂 Was der Wirtschaftsprüfer kurz darauf in genau diesen Zahlen fand, passte zu keinem einzigen Kassenbon, den ich zwölf Jahre lang gesammelt hatte – die Fortsetzung steht im ersten Kommentar. 🔎

Mein Vater hatte sein ganzes Leben spontan Entscheidungen getroffen, Kredite aufgenommen, Autos gewechselt und Rechnungen verlegt.

Michael war das Gegenteil.

Er hatte Rücklagen.

Ordner.

Versicherungen.

Eine Excel-Datei für seine Altersvorsorge.

Als wir zwei Jahre später heirateten, sagte meine Mutter:

– Mit so einem Mann wirst du wenigstens nie morgens aufwachen und feststellen, dass das Konto leer ist.

Sie sollte auf eine sehr besondere Weise recht behalten.

Unser Konto war nie leer.

Michael achtete darauf, dass es immer ordentlich aussah.

Die ersten Monate nach der Hochzeit fand ich sein System sogar praktisch.

Wir hatten ein gemeinsames Haushaltskonto, auf das wir beide monatlich Geld überwiesen.

Miete.

Strom.

Lebensmittel.

Versicherungen.

Urlaub.

Jede Ausgabe wurde kategorisiert.

Michael erstellte am Monatsende eine Übersicht.

„Lebensmittel: 642,18 Euro.“

„Mobilität: 218,40 Euro.“

„Freizeit: 173,90 Euro.“

Einmal hielt er mir einen Bon vom Drogeriemarkt hin.

– Hier sind 17,80 Euro als Haushalt verbucht. Aber da ist Nagellack dabei.

Ich dachte, er scherze.

– Ja. Für 3,49.

– Dann ist das privat.

– Michael, wir sind verheiratet.

– Gerade deshalb sollten wir sauber trennen.

Ich verdrehte die Augen.

Er lächelte und küsste mich.

Damals wirkte es noch harmlos.

Als Hannah geboren wurde, wurde es anstrengender.

Ich blieb zehn Monate zu Hause.

Michael achtete währenddessen darauf, dass mein geringeres Einkommen „korrekt abgebildet“ wurde.

Wenn ich Kleidung für Hannah kaufte, sollte ich die Bons fotografieren.

Wenn ich im Café mit anderen Müttern einen Cappuccino trank, war das privat.

Babybrei war Haushalt.

Mein Mittagessen nicht.

– Wir müssen einfach verhindern, dass Geld unbemerkt verschwindet, sagte Michael immer wieder.

Dieser Satz setzte sich in mir fest.

Geld verschwindet.

Also musste man aufpassen.

Jahre später wusste ich: Während ich Quittungen über 4,30 Euro sammelte, verschwanden gleichzeitig fünfstellige Beträge.

Aber davon ahnte ich nichts.

Michael bekam mehrere Beförderungen.

Er wechselte schließlich zu einem mittelständischen Maschinenbauer in Ratingen und leitete dort die Finanzplanung.

Sein Gehalt stieg deutlich.

Ich arbeitete wieder Vollzeit.

Wir kauften ein Reihenhaus in Meerbusch.

Wir konnten uns ein gutes Leben leisten, aber Michael bestand darauf, dass wir „nicht schlampig“ wurden.

Im Flur stand eine kleine graue Box.

Darauf klebte ein Etikett:

BELEGE HAUSHALT.

Jeden Abend leerte ich meine Tasche.

Supermarkt.

Apotheke.

Tankstelle.

Bäckerei.

Einmal hatte ich tatsächlich den Bon für ein Brot verloren.

2,90 Euro.

Michael fragte drei Tage lang danach.

– Vielleicht habe ich ihn weggeworfen.

– Dann weiß ich nicht, ob die Ausgabe stimmt.

– Glaubst du ernsthaft, ich erfinde ein Brot?

– Darum geht es nicht.

– Worum dann?

– Um Prinzipien.

Dieses Wort hörte ich in unserer Ehe häufiger als „Vertrauen“.

Das Seltsame war, dass Michael selbst kaum private Ausgaben hatte.

Keine teuren Uhren.

Kein Sportwagen.

Keine Glücksspielabende.

Keine Luxusreisen mit Freunden.

Er fuhr einen sechs Jahre alten Audi.

Trug Hemden von derselben Marke.

Bestellte im Restaurant meistens das zweitbilligste Hauptgericht.

Wenn ich manchmal sagte:

– Wir verdienen beide gut. Können wir nicht einfach einmal etwas genießen, ohne es zu analysieren?

antwortete er:

– Genau deshalb haben wir Geld. Weil ich es analysiere.

Ich fühlte mich kleinlich, wenn ich widersprach.

Mit den Jahren entstand ein unsichtbares Gefälle.

Michael kannte jede Zahl.

Ich kannte nur unser Leben.

Als unsere Ehe schlechter wurde, bemerkte ich zunächst keine andere Frau.

Es gab keine heimlichen Nachrichten.

Keinen Duft fremden Parfüms.

Keine plötzlichen Überstunden.

Michael blieb einfach derselbe – nur kälter.

Beim Abendessen sprachen wir über Termine.

Hannahs Gymnasium.

Steuerbescheide.

Handwerker.

Versicherungen.

Wir funktionierten.

Eines Abends fragte ich:

– Wann hast du mich eigentlich zuletzt gefragt, wie es mir geht?

Er blickte von seinem Tablet auf.

– Wie meinst du das?

In diesem Moment wusste ich, dass wir ein Problem hatten.

Ein Jahr später schlug ich eine Paartherapie vor.

Michael rechnete zuerst aus, was zehn Sitzungen kosten würden.

Ich hätte fast gelacht.

Stattdessen sagte ich:

– Vielleicht ist genau das unser Problem.

Die Therapie dauerte vier Monate.

Dann erklärte Michael sachlich, dass er „keine gemeinsame Perspektive“ mehr sehe.

Ich weinte.

Er öffnete am selben Abend eine Excel-Datei.

„Vorläufige Vermögensaufteilung“.

Das war Michael.

Selbst das Ende unserer Ehe bekam Spalten.

Zunächst glaubte ich, die Scheidung würde wenigstens finanziell unkompliziert werden.

Wir hatten das Haus.

Ersparnisse.

Wertpapierdepots.

Zwei Autos.

Keine hohen Schulden.

Michael präsentierte alles übersichtlich.

Mein Anwalt, Thomas Reuter, blätterte die Unterlagen durch und fragte schließlich:

– Ihr Mann verwaltet die Finanzen seit Beginn der Ehe?

– Ja.

– Haben Sie selbst Zugang zu allen Konten?

Ich antwortete sofort:

– Natürlich.

Dann dachte ich nach.

– Also… zu unseren gemeinsamen Konten.

Thomas sah mich an.

– Und zu seinen privaten?

– Nein. Aber wir haben beide private Konten.

– Wissen Sie, wie hoch sein Kontostand ist?

– Nein.

– Seine Depots?

Ich schüttelte den Kopf.

Zum ersten Mal klang etwas, das mir völlig normal erschienen war, merkwürdig.

Michael hatte immer gesagt, Transparenz bedeute, jede gemeinsame Ausgabe zu dokumentieren.

Ich hatte nie bemerkt, dass Transparenz für ihn in nur eine Richtung funktioniert hatte.

Thomas beantragte vollständige Auskünfte.

Michael lieferte sie.

Zuerst schien alles sauber.

Fast zu sauber.

Dann fiel Thomas eine Sache auf.

In mehreren Jahren waren Michaels Einkommen und sein sichtbarer Vermögenszuwachs nicht plausibel zusammenzupassen.

– Vielleicht hat er mehr ausgegeben, sagte ich.

Thomas hob die Augenbrauen.

– Der Mann, der wegen eines Brotes nach einem Bon fragt?

Darauf wusste ich nichts zu sagen.

Wir beauftragten Dr. Keller.

Er war ein ruhiger Mann Anfang fünfzig, der sich weniger für einzelne Kontostände als für Bewegungen interessierte.

Nach zwei Wochen fragte er nach älteren Steuerunterlagen.

Dann nach Darlehensverträgen.

Dann nach Kontoauszügen aus einem Depot, von dessen Existenz ich wusste, das ich aber nie angesehen hatte.

Michael reagierte zunehmend gereizt.

– Das ist völlig überzogen, sagte er bei einem Termin.

Dr. Keller antwortete:

– Vielleicht. Dann wird das Ergebnis entsprechend langweilig.

Es wurde nicht langweilig.

Die erste Spur war eine Überweisung über 28.000 Euro.

Empfänger: Rheinblick Projektentwicklung GmbH.

Verwendungszweck: „Darlehen gemäß Vertrag“.

Weitere Zahlungen folgten.

35.000.

21.500.

47.000.

Manche kamen von Michaels Privatkonto.

Andere aus einem Konto, auf das zuvor Geld aus unserem gemeinsamen Depot geflossen war.

Mehrmals wurden Wertpapiere verkauft.

Ich erinnerte mich an einige dieser Verkäufe.

Michael hatte mir damals erklärt, wir würden Gewinne sichern.

– Und wohin ging das Geld danach? fragte ich Dr. Keller.

– Teilweise zunächst auf ein Zwischenkonto. Danach zu Rheinblick.

– Wem gehört diese Firma?

Er klickte weiter.

Gesellschafterin: Sabine Werner.

Ich brauchte einige Sekunden.

– Das ist seine Schwester.

Michael schloss die Augen.

Sabine war fünf Jahre jünger als er.

Architektin.

Geschieden.

Sie lebte in Essen und hatte nach ihrer Scheidung angeblich finanzielle Schwierigkeiten gehabt.

Michael hatte mir oft erzählt, er helfe ihr gelegentlich.

Kleine Beträge, hatte ich angenommen.

Vielleicht 1.000 Euro.

Vielleicht 2.000.

Nicht Hunderttausende.

– Hast du Sabine fast vierhunderttausend Euro gegeben?

Michael antwortete:

– Nein.

Dr. Keller sah ihn an.

– Juristisch stimmt das möglicherweise.

– Was soll das heißen? fragte ich.

Auf der nächsten Folie erschien ein Grundstücksauszug.

Ein Mehrfamilienhaus in Essen-Rüttenscheid.

Altbau.

Sechs Wohnungen.

2019 hatte Rheinblick Projektentwicklung das Gebäude gekauft.

Mit Sanierungskosten lag die Investition bei etwas über einer Million Euro.

Ich sah Michael an.

– Was hat das mit dir zu tun?

Dr. Keller legte einen Vertrag auf den Tisch.

– Herr Werner hat der Gesellschaft seiner Schwester über mehrere Jahre Darlehen gewährt. Insgesamt knapp vierhunderttausend Euro.

Michael verschränkte die Arme.

– Darlehen. Genau.

– Wurden sie zurückgezahlt? fragte mein Anwalt.

Dr. Keller schüttelte den Kopf.

– Nein.

– Verzinst?

– Formal ja. Tatsächlich sind keine Zinsen geflossen.

– Sicherheiten?

– Keine.

Ich verstand immer noch nicht alles.

– Dann schuldet seine Schwester ihm doch einfach das Geld.

Thomas sah mich an.

– Genau darum geht es.

Wenn Michael Forderungen gegen die Gesellschaft hatte, waren sie Vermögen.

Vermögen, das in seiner ersten Aufstellung praktisch wertlos dargestellt worden war.

Michael beugte sich vor.

– Rheinblick ist hoch verschuldet. Diese Forderungen sind kaum etwas wert.

Dr. Keller wechselte die Folie.

Diesmal erschien eine Bewertung des Hauses.

Aktueller Marktwert: 1,86 Millionen Euro.

Restschuld: etwa 620.000 Euro.

Mir stockte der Atem.

Thomas sagte:

– So wertlos sieht das nicht aus.

Michael wurde rot.

– Das ist eine theoretische Bewertung.

Doch es kam noch schlimmer.

Dr. Keller hatte Zahlungen gefunden, die nicht aus Michaels alleinigen Mitteln stammten.

Während der Ehe hatten wir jedes Jahr Bonuszahlungen in ein gemeinsames Wertpapierdepot eingezahlt.

Ich hatte geglaubt, dieses Depot sei für Altersvorsorge und Hannahs Ausbildung gedacht.

Mehrfach hatte Michael Anteile verkauft.

Offiziell wegen „Umschichtungen“.

Ein Teil dieses Geldes war über sein Privatkonto schließlich bei Rheinblick gelandet.

– Wie viel davon war gemeinsames Geld? fragte ich.

Dr. Keller nannte eine Zahl.

173.400 Euro.

Ich starrte Michael an.

– Du hast über hundertundsiebzigtausend Euro aus unserem gemeinsamen Vermögen in das Haus deiner Schwester gesteckt?

– Nicht in ihr Haus.

– In ihre Firma.

– Es war eine Investition.

– Von der du mir nichts erzählt hast.

– Weil du dagegen gewesen wärst.

Dieser Satz traf mich härter als alles zuvor.

Nicht, weil er laut war.

Sondern weil Michael ihn völlig selbstverständlich sagte.

Ich lachte ungläubig.

– Du wolltest für ein Brot einen Bon, aber bei 173.000 Euro dachtest du, ich müsse nichts wissen?

Seine Anwältin unterbrach:

– Wir sollten bei den sachlichen Fragen bleiben.

– Das ist eine sachliche Frage.

Michael schwieg.

Doch Dr. Keller war noch nicht fertig.

Das Gebäude war nicht das eigentliche Ziel gewesen.

Rheinblick hatte im Jahr 2023 einen Bauantrag gestellt.

Das Grundstück war groß genug, um im Hinterhof ein weiteres Gebäude mit vier Wohnungen zu errichten.

Die Genehmigung war fast abgeschlossen.

Mit dem Projekt konnte der Wert deutlich steigen.

Dann zeigte Dr. Keller eine private Vereinbarung.

Sie war fünf Jahre alt.

Michael und Sabine hatten sie unterschrieben.

Darin stand, dass Michael nach vollständiger Rückzahlung seiner Darlehen eine Beteiligung von 40 Prozent an Rheinblick erhalten sollte.

Ich las den Absatz zweimal.

– Vierzig Prozent?

Michael sagte nichts.

Dr. Keller nickte.

– Wirtschaftlich betrachtet hat Herr Werner also nicht nur Darlehen vergeben. Er hat sich eine zukünftige Beteiligung gesichert.

Plötzlich ergab alles Sinn.

Jede fehlende Urlaubsreise.

Jede Diskussion über Restaurantrechnungen.

Jede abgelehnte Renovierung.

Jeder Satz über Sparsamkeit.

Michael hatte unser Leben nicht deshalb so streng kontrolliert, weil er Angst vor Verschwendung hatte.

Er hatte Kapital gesammelt.

Still.

Über Jahre.

– Seit wann planst du das? fragte ich.

– Clara…

– Seit wann?

– Das ist kompliziert.

– Nein. Diesmal nicht.

Er sah mich schließlich an.

– Seit 2018.

Damals war Hannah sechs gewesen.

Ich erinnerte mich an dieses Jahr.

Wir hatten überlegt, das Dachgeschoss unseres Hauses auszubauen.

Michael hatte gerechnet und gesagt, es sei unverantwortlich.

Wir hatten es gelassen.

Ein Jahr später hatte er 47.000 Euro an Rheinblick überwiesen.

Ich musste aufstehen.

Ich ging zum Fenster.

Unten fuhren Straßenbahnen durch Düsseldorf. Menschen liefen mit Einkaufstaschen über den Gehweg.

Alles sah völlig normal aus.

Hinter mir sagte Michael:

– Ich wollte etwas aufbauen.

Ich drehte mich um.

– Wir hatten doch etwas aufgebaut.

Er schüttelte den Kopf.

– Ich meine etwas Eigenes. Etwas, das Einkommen bringt.

– Dann warum hast du es mir nicht gesagt?

– Weil du immer Sicherheit wolltest.

Ich musste lachen.

– Du hast mir zwölf Jahre lang beigebracht, dass jede Ausgabe dokumentiert werden muss.

– Das war etwas anderes.

– Ja. Offenbar.

Später, außerhalb des Konferenzraums, erzählte mir mein Anwalt etwas, das ich selbst nie bedacht hatte.

Michael hatte nicht nur versucht, Vermögen zu verschieben.

Er hatte gleichzeitig ein Bild erschaffen.

Das Bild eines Mannes, der übervorsichtig, fast zwanghaft sparsam war.

Dadurch hatte ich nie vermutet, dass große Summen verschwinden könnten.

Seine Pedanterie war keine Tarnung gewesen, die er eines Tages bewusst erfunden hatte.

Sie war raffinierter.

Sie war sein Charakter.

Und genau deshalb hatte sie funktioniert.

Die nächsten Monate bestanden aus Gutachten, Verhandlungen und langen Schreiben.

Sabine behauptete zunächst, ihre Firma könne Michaels Darlehen aktuell nicht bedienen.

Dann zeigte sich, dass sie mit einem Investor über den Verkauf eines Teils des Projekts sprach.

Plötzlich war die angebliche Wertlosigkeit der Forderungen nicht mehr überzeugend.

Michael wollte eine außergerichtliche Einigung.

Zum ersten Mal seit Beginn der Scheidung war er bereit, schnell zu verhandeln.

Ich hätte ihn ruinieren können, behauptete meine Freundin Katja.

Das wollte ich nicht.

Ich wollte nicht einmal sein Bauprojekt.

Ich wollte nur, dass zwölf Jahre gemeinsamer Realität endlich richtig gezählt wurden.

Am Ende wurde das Haus in Meerbusch verkauft.

Ich erhielt meinen Anteil aus dem gemeinsamen Vermögen sowie einen zusätzlichen Ausgleich für die verschobenen Gelder und Michaels Forderungen gegenüber Rheinblick.

Es war weniger spektakulär, als Menschen sich eine Scheidung nach einer solchen Enthüllung vorstellen.

Kein Gerichtssaal voller Zuschauer.

Keine Polizei.

Kein dramatisches Geständnis.

Nur Tabellen.

Verträge.

Bewertungen.

Unterschriften.

Und ein Mann, der irgendwann nicht mehr behaupten konnte, dass die Zahlen auf seiner Seite seien.

Sechs Monate später zog ich mit Hannah in eine Wohnung in Düsseldorf-Pempelfort.

Nicht groß.

Aber hell.

An unserem ersten Samstag dort gingen wir gemeinsam zum Bäcker.

Hannah nahm ein Schokocroissant, ich ein Körnerbrötchen und zwei Stücke Apfelkuchen.

An der Kasse fragte die Verkäuferin:

– Möchten Sie den Bon?

Ich öffnete automatisch den Mund.

„Ja“, wollte ich sagen.

Zwölf Jahre Gewohnheit.

Dann sah ich Hannah an.

Sie grinste.

– Mama, wir brauchen den doch nicht.

Ich musste plötzlich lachen.

– Nein.

Die Verkäuferin warf ihn weg.

Wir gingen hinaus.

Nach ein paar Metern blieb Hannah stehen.

– Papa hat gestern gefragt, ob ich noch alle Kassenzettel für meine neuen Schulsachen habe.

Ich sah sie an.

– Und was hast du gesagt?

– Dass ich ihm Fotos geschickt habe.

Natürlich hatte sie das getan.

Sie kannte es nicht anders.

Ich spürte einen kurzen Stich.

Nicht wegen Michael.

Wegen ihr.

Ich wollte nicht, dass sie glaubte, Vertrauen müsse immer mit einem Beleg bewiesen werden.

– Hör mal, sagte ich. Belege sind manchmal sinnvoll.

– Ich weiß.

– Aber wenn jemand dich liebt, darf er trotzdem nicht jede Kleinigkeit kontrollieren und seine eigenen großen Dinge geheim halten.

Sie sah mich fragend an.

– Wegen Papa?

Ich nickte.

Sie dachte kurz nach.

– Dann war er eigentlich gar nicht ordentlich.

– Wie meinst du das?

– Er hat nur die Sachen ordentlich gemacht, die du sehen solltest.

Ich blieb stehen.

Kinder können manchmal einen Satz sagen, für den Erwachsene monatelang Gutachten brauchen.

Genau so war es gewesen.

Michael hatte keinen chaotischen Umgang mit Geld gehabt.

Ganz im Gegenteil.

Jeder Euro war dorthin gegangen, wo er ihn haben wollte.

Fast vierhunderttausend davon nur eben nicht in das Leben, von dem ich zwölf Jahre lang geglaubt hatte, dass wir es gemeinsam finanzierten.

Ich nahm Hannahs Hand und wir gingen weiter.

Hinter uns blieb kein Kassenbon zurück, den ich noch einmal kontrollieren musste.

Und zum ersten Mal seit sehr langer Zeit fühlte sich das nicht nach Nachlässigkeit an.

Sondern nach Freiheit.

Diese Website verwendet Cookies, um Ihr Erlebnis zu verbessern. Wir gehen davon aus, dass Sie damit einverstanden sind. Sie können die Verwendung von Cookies jedoch ablehnen, wenn Sie dies wünschen. Akzeptieren Mehr lesen

Privacy & Cookies Policy