In dieses Badezimmer traute sich niemand ohne Handschuhe. Drei Monate später war es nicht wiederzuerkennen

by 04impress
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Als Lena die Badezimmertür zum ersten Mal öffnete, blieb sie auf der Schwelle stehen. Sie trug bereits gelbe Gummihandschuhe, obwohl sie eigentlich nur einige Fotos machen wollte.

Die Luft roch feucht und abgestanden. An der Decke hatten sich dunkle Schimmelflecken ausgebreitet, der Putz löste sich in großen Schuppen und die Fugen zwischen den grün-beigen Fliesen waren beinahe schwarz. In der alten Badewanne hatten sich Rost und Schmutz festgesetzt. Das Waschbecken war stumpf, an mehreren Stellen abgesplittert und von einem Netz kleiner Risse überzogen.

„Wir sollten hier nichts anfassen“, sagte Lena und zog einen Handschuh fester über ihr Handgelenk.

Ihr Mann Tobias betrachtete die sichtbaren Rohre unter dem Waschbecken. Einige waren stark korrodiert, an einer Verbindung hing ein Wassertropfen.

„Wir sollten vor allem sofort das Wasser abstellen“, antwortete er.

Das Badezimmer gehörte zu einer kleinen Wohnung in einem Mehrfamilienhaus aus den frühen 1960er-Jahren. Lena und Tobias hatten sie günstig gekauft, weil seit fast zehn Jahren kaum etwas instand gehalten worden war.

Die übrigen Räume waren altmodisch, aber bewohnbar. Die Wände brauchten neue Farbe, die Holzböden mussten abgeschliffen und die Elektrik teilweise erneuert werden. Das Badezimmer war jedoch in einem völlig anderen Zustand.

Der vorherige Eigentümer hatte es jahrelang nur noch selten benutzt. Nach einem Rohrschaden waren die feuchten Stellen an der Decke einfach überstrichen worden. Später hatte man versucht, die schwarzen Fugen mit Silikon zu verdecken. Dadurch verschwand das Problem nicht, sondern blieb lediglich eine Zeit lang verborgen.

Auf den Bildern des Immobilienangebots war das Badezimmer kaum zu sehen gewesen. Es gab nur ein unscharfes Foto, das aus dem Flur aufgenommen worden war.

Bei der Besichtigung hatte der Makler die Tür lediglich einen Spalt geöffnet.

„Hier muss natürlich etwas gemacht werden“, hatte er gesagt.

Wie viel tatsächlich gemacht werden musste, begriffen Lena und Tobias erst nach der Schlüsselübergabe.

Ursprünglich wollten sie das Badezimmer innerhalb von drei Wochen renovieren. Die alten Fliesen sollten entfernt, eine neue Badewanne eingesetzt und ein kleiner Waschtisch montiert werden. Da der Raum nur wenige Quadratmeter groß war, hielten sie das Projekt für überschaubar.

Ein befreundeter Handwerker warnte sie jedoch bereits beim ersten Besuch.

Er setzte eine Atemschutzmaske auf, zog Handschuhe an und untersuchte die Wände mit einem Feuchtigkeitsmessgerät. Besonders im Bereich hinter der Wanne schlug das Gerät deutlich aus.

„Bevor ihr neue Fliesen bestellt, muss alles geöffnet werden“, erklärte er. „Sonst baut ihr ein schönes Bad vor ein Problem, das in zwei Jahren wieder auftaucht.“

Am folgenden Wochenende begann der Rückbau.

Zuerst wurden der Spiegel, das Waschbecken und die alten Armaturen entfernt. Anschließend nahmen die Arbeiter die Verkleidung der Badewanne ab. Dahinter kam keine trockene Wand zum Vorschein, sondern feuchter, stellenweise zerbröselnder Putz.

Als die ersten Fliesen von der Wand gelöst wurden, verbreitete sich ein unangenehmer Geruch im Raum.

Die Feuchtigkeit hatte sich viel weiter ausgebreitet, als alle vermutet hatten.

Mehrere Fliesen ließen sich beinahe ohne Werkzeug abnehmen. Der Kleber dahinter war an manchen Stellen noch weich. In einer Ecke war der Untergrund so beschädigt, dass der Putz mit der Hand abbröckelte.

Lena stand wieder mit ihren gelben Handschuhen im Flur und sah zu, wie ein Eimer nach dem anderen hinausgetragen wurde.

„Können wir die Wand überhaupt retten?“, fragte sie.

Der Handwerker nickte, aber seine Antwort beruhigte sie nur teilweise.

„Ja. Aber nicht mit ein bisschen neuer Farbe. Wir müssen bis auf den festen Untergrund zurück.“

Damit war der ursprüngliche Zeitplan hinfällig.

Die Arbeiter entfernten sämtliche losen Fliesen, den beschädigten Putz und einen großen Teil des Bodenaufbaus. Die Badewanne war an der Unterseite stark korrodiert und konnte nicht wiederverwendet werden.

Hinter dem Waschbecken entdeckten sie außerdem eine undichte Rohrverbindung. Vermutlich war dort über Jahre immer wieder eine kleine Menge Wasser ausgetreten. Der Schaden war von außen kaum erkennbar gewesen, weil die Leitungen unmittelbar an der Wand entlangliefen.

Noch am selben Tag wurde ein Installateur gerufen.

Er prüfte die Wasserleitungen und stellte fest, dass nicht nur eine Verbindung, sondern mehrere alte Metallrohre ersetzt werden mussten. Die Abwasserleitung war zwar noch intakt, doch die Zuläufe entsprachen nicht mehr dem heutigen Standard.

Die zusätzlichen Arbeiten erhöhten die Kosten erheblich.

Lena und Tobias strichen deshalb mehrere ursprünglich geplante Extras. Sie verzichteten auf eine teure maßgefertigte Duschkabine, eine Fußbodenheizung und einen großen beleuchteten Spiegelschrank.

„Lieber geben wir das Geld für Dinge aus, die man später nicht sieht“, sagte Tobias. „Dichte Rohre sind wichtiger als ein Spiegel mit fünf verschiedenen Lichtfarben.“

Nachdem die Leitungen erneuert worden waren, begann die Trocknung.

Fast zwei Wochen lang liefen ein Bautrockner und ein Ventilator im Raum. Die Tür blieb geschlossen, und jeden Abend leerten Lena und Tobias den Wasserbehälter. Anfangs füllte er sich innerhalb weniger Stunden.

Ein Fachbetrieb untersuchte die dunklen Stellen an Wand und Decke. Glücklicherweise hatte sich der Schimmel nicht tief in tragende Bauteile ausgebreitet. Die betroffenen Materialien mussten dennoch vollständig entfernt und die Flächen fachgerecht behandelt werden.

Während dieser Zeit sah das Badezimmer schlimmer aus als zuvor.

Die Wände waren bis auf das Mauerwerk geöffnet, Rohre lagen frei und der Fußboden bestand nur noch aus grauem Estrich. Wo früher die Wanne gestanden hatte, waren lediglich Anschlüsse und dunkle Umrisse zu erkennen.

Einige Nachbarn beobachteten, wie täglich Säcke mit alten Fliesen und Bauschutt durch das Treppenhaus getragen wurden.

„Haben Sie das Badezimmer komplett herausgerissen?“, fragte die ältere Dame aus der Wohnung gegenüber.

Lena zeigte ihr ein Foto auf dem Telefon.

Die Nachbarin schüttelte ungläubig den Kopf.

„Ich wusste, dass es alt war“, sagte sie. „Aber nicht, dass es so schlimm war.“

Nach fast einem Monat konnte der eigentliche Wiederaufbau beginnen.

Die beschädigten Wandflächen wurden neu vorbereitet. Im Bereich der späteren Badewanne montierten die Handwerker feuchtigkeitsbeständige Bauplatten. Anschließend erhielten die Wände und der Boden eine sorgfältige Abdichtung.

Tobias bestand darauf, jeden Arbeitsschritt zu fotografieren.

„Wenn später etwas passiert, möchte ich wissen, wo jede Leitung verläuft“, erklärte er.

Da der Raum klein war, entschieden sie sich, die ursprüngliche Aufteilung beizubehalten. Die neue Badewanne kam an dieselbe Stelle wie die alte. Auch das Waschbecken blieb auf der gegenüberliegenden Wandseite.

So konnten sie unnötige Änderungen an den Leitungen vermeiden und der schmale Durchgang in der Mitte des Raumes blieb erhalten.

Bei den Farben wollten Lena und Tobias bewusst nicht alles vergessen, was vorher dort gewesen war. Die alten grünen Fliesen waren zwar verschmutzt und beschädigt, doch Lena mochte den warmen Farbton grundsätzlich.

Sie wählten deshalb schmale, senkrecht verlegte Fliesen in einem sanften Salbeigrün für den Bereich um die Badewanne. Die übrigen Wände erhielten große, warmweiße Fliesen. Für den Boden entschieden sie sich für kleine, hellgraue Fliesen mit einer dezenten Steinstruktur.

„Es soll modern wirken, aber nicht kalt“, sagte Lena.

In der siebten Woche wurden die ersten neuen Fliesen verlegt.

Zum ersten Mal konnten die beiden erkennen, wie das fertige Badezimmer aussehen würde. Das Salbeigrün reflektierte das Tageslicht des kleinen Milchglasfensters, während die hellen Wände den Raum größer erscheinen ließen.

Doch kurz darauf entstand ein neues Problem.

Die Bewohnerin der darunterliegenden Wohnung bemerkte einen feuchten Fleck an ihrer Decke. Sofort wurden die Arbeiten gestoppt und das Wasser im Bad erneut abgestellt.

Für Lena war es der schlimmste Moment der gesamten Renovierung.

Sie befürchtete, dass eine der neuen Leitungen undicht war und die frisch abgedichteten Wände wieder geöffnet werden müssten. Der Installateur kam noch am selben Abend.

Nach mehreren Prüfungen fand er die Ursache. Es handelte sich nicht um eine neue Leitung, sondern um Restwasser aus einem alten Hohlraum neben dem Abfluss. Beim Entfernen des Bodens war es langsam nach unten gelangt.

Der Bereich wurde geöffnet, getrocknet und kontrolliert. Zwei Tage später zeigte das Messgerät keine erhöhte Feuchtigkeit mehr.

Erst danach gingen die Arbeiten weiter.

Die Wanne wurde endgültig eingesetzt, die Fliesen verfugt und eine schlichte Glasabtrennung montiert. Statt einer komplizierten Duschkabine wählten Lena und Tobias eine transparente Scheibe, die den Raum offen und hell wirken ließ.

An der gegenüberliegenden Wand wurde eine kompakte Waschtischkonsole aus Eichenholz angebracht. Sie bot genügend Stauraum, ohne den schmalen Durchgang zu blockieren. Darüber kam ein abgerundeter Spiegel mit einer kleinen, warm leuchtenden Wandleuchte.

Auch die Beleuchtung an der Decke wurde erneuert. Der alte gelbliche Lampenschirm verschwand und wurde durch eine einfache, helle Leuchte ersetzt.

In der zehnten Woche funktionierten Wasser, Heizung und Elektrik wieder. Trotzdem war das Badezimmer noch nicht fertig. Silikonfugen mussten gezogen, kleine Fliesenstücke an den Kanten eingesetzt und die Türzarge ausgebessert werden.

Jede dieser Arbeiten schien nur wenige Stunden zu benötigen, doch zusammen nahmen sie fast zwei weitere Wochen in Anspruch.

Lena begann bereits, Handtücher und kleine Accessoires zu kaufen. Tobias wollte damit warten, bis der letzte Handwerker den Raum verlassen hatte.

„Nicht, dass wir am Ende noch Baustaub aus den neuen Handtüchern waschen müssen“, sagte er.

Drei Monate nach dem ersten Betreten der Wohnung wurde das Badezimmer schließlich fertig.

Am letzten Morgen entfernten sie die Schutzfolie vom Waschbecken, reinigten die Glasscheibe und stellten eine kleine Pflanze auf die Fensterbank. Lena hängte ein korallfarbenes Handtuch neben den Spiegel und legte eine schlichte gewebte Matte auf den Boden.

Dann trat sie hinaus in den Flur, schloss die Tür und öffnete sie noch einmal.

Diesmal brauchte sie keine Gummihandschuhe.

Das Tageslicht fiel durch das Milchglasfenster auf die grünen Fliesen. Die neue Wanne glänzte, das Eichenholz des Waschtisches gab dem Raum Wärme und im Spiegel war keine dunkle, beschädigte Wand mehr zu sehen.

Tobias stand hinter ihr und verglich das fertige Badezimmer mit dem ersten Foto auf seinem Telefon.

„Wenn das Fenster nicht dasselbe wäre, würde ich glauben, das sei ein anderer Raum“, sagte er.

Am Abend kam die Nachbarin von gegenüber vorbei. Sie blieb genau dort stehen, wo Lena drei Monate zuvor mit gelben Handschuhen gestanden hatte.

„Das kann unmöglich dieses Badezimmer sein“, sagte sie und blickte noch einmal in den Flur, als hätte sie vielleicht die falsche Tür geöffnet.

Doch die größte Veränderung bestand nicht nur aus neuen Fliesen und moderner Sanitärtechnik.

Hinter den hellen Oberflächen befanden sich nun trockene Wände, erneuerte Leitungen und eine fachgerechte Abdichtung. All das war auf den fertigen Fotos kaum zu erkennen, hatte aber den größten Teil der Arbeit ausgemacht.

Die gelben Gummihandschuhe warf Lena übrigens nicht weg. Sie legte sie zusammengefaltet in die unterste Schublade des neuen Waschtisches.

Nicht, weil sie sich noch immer davor fürchtete, das Badezimmer zu betreten, sondern als Erinnerung daran, wie es drei Monate zuvor ausgesehen hatte.

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