Meine Schwiegermutter machte vor der ganzen Familie einen riesigen Skandal wegen eines Pakets, das auf meinen Namen geliefert worden war. Doch als ich die Schachtel schließlich vor allen öffnete, veränderte sich plötzlich ihr Gesicht. Im nächsten Moment griff sie nach dem Paket und versuchte tatsächlich, es mir aus den Händen zu reißen. „Mach es nicht auf!“, rief sie. Alle am Tisch verstummten. Ich sah sie verwundert an. Schließlich stand mein Name auf dem Paket. Und ich hatte nicht die geringste Ahnung, warum ausgerechnet sie solche Angst davor hatte, dass ich den Inhalt vor allen sah. Dann sagte mein Mann leise: „Mama… was soll das?“ Meine Schwiegermutter antwortete nicht. Und genau da wurde mir klar, dass dieses Paket offenbar etwas enthielt, das sie um jeden Preis vor der Familie verbergen wollte.

by 04impress
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Das Paket kam an einem Samstagmorgen, genau in dem Moment, als ich in der Küche Kartoffeln für den Salat schnitt und meine Schwiegermutter Vesna meinem Mann erklärte, wie man Kartoffeln „niemals kocht, wenn sie fest bleiben sollen“.

Ich hatte nichts bestellt.

Das wusste ich sofort, als ich durch das Fenster sah, wie der Zusteller der Post ein graues Paket aus seinem Wagen holte. Es war ungefähr so groß wie ein Schuhkarton. Auf dem Aufkleber stand mein vollständiger Name.

Ivana Kovačević.

Und unsere Adresse in Velika Gorica.

Aber der Absender sagte mir nichts.

„Vielleicht hast du wieder etwas im Internet bestellt und es vergessen“, meinte Vesna.

Ihr Tonfall war süß genug, um wie ein Scherz zu klingen.

Aber jeder am Tisch wusste, dass es keiner war.

Mein Mann Marko sah von seinem Handy auf.

„Hast du etwas bestellt?“

„Nein.“

Ich nahm das Paket entgegen, unterschrieb und ging zurück in die Wohnung.

An diesem Tag waren Markos Eltern bei uns, seine Schwester Petra mit ihrem Verlobten Filip und mein Bruder Luka. Wir wollten gemeinsam zu Mittag essen, weil Marko zwei Tage zuvor befördert worden war.

Nichts Besonderes.

Suppe, Braten, Mlinci und ein Kuchen, den Vesna aus Samobor mitgebracht hatte.

Ich stellte den Karton auf die Kommode im Flur.

Und dann bemerkte ich zum ersten Mal, dass Vesna nicht mehr auf den Salat schaute.

Sie starrte auf die Schachtel.

„Woher kommt sie?“, fragte sie.

Ich sah auf das Etikett.

„Sesvete.“

„Welcher Teil von Sesvete?“

Ich hob eine Augenbraue.

„Steht nicht drauf.“

Vesna kam näher.

„Gib mal her.“

Noch bevor ich ihr das Paket reichen konnte, streckte sie bereits die Hand danach aus.

Instinktiv zog ich es zurück.

„Vesna, es ist nur ein Paket.“

„Ich habe doch gar nichts gesagt.“

Aber ihr Gesicht hatte sich verändert.

Nur ganz leicht.

Marko bemerkte es nicht.

Ich schon.

Vesna war eine Frau, die sich normalerweise nie aus der Ruhe bringen ließ. Wenn ein Kellner ihr den falschen Wein brachte, kannte sie innerhalb von dreißig Sekunden den Namen des Restaurantbesitzers.

Wenn die Nachbarin zehn Zentimeter über der Markierung parkte, wusste Vesna bereits, wer beim Hausverwalter angerufen werden musste.

Und jetzt starrte sie auf einen gewöhnlichen grauen Karton, als würde sich darin etwas bewegen.

Ich drehte ihn um.

An der Seite klebte ein kleiner Aufkleber.

Depo Jurić d.o.o.

Vesna senkte sofort den Blick.

„Was ist?“, fragte ich.

„Nichts.“

„Kennst du den Namen?“

„Warum sollte ich?“

Ich antwortete nicht.

Petra mischte sich ein.

„Vielleicht hast du etwas gewonnen. Mach es doch einfach auf.“

Vesna drehte sich sofort zu ihr um.

„Man muss nicht alles vor anderen Leuten öffnen.“

Eine kurze Stille entstand.

Luka grinste.

„Vor welchen anderen Leuten? Wir sind doch Familie.“

„Genau deshalb“, sagte Vesna.

Marko legte endlich sein Handy weg.

„Mama, was ist denn mit dir los?“

„Gar nichts.“

Ich nahm eine Küchenschere.

Kaum hatte ich das Klebeband durchtrennt, sagte Vesna:

„Ivana, vielleicht solltest du zuerst beim Absender anrufen.“

„Warum?“

„Vielleicht gehört es gar nicht dir.“

„Mein Name steht darauf.“

„Namen können falsch geschrieben werden.“

„Die Adresse stimmt auch.“

„Trotzdem.“

Ich sah Marko an.

Er wirkte genauso verwirrt wie ich.

Ich öffnete den ersten Kartonflügel.

Darin lag keine Ware.

Obenauf befand sich eine durchsichtige Plastikmappe.

Darunter mehrere weiße Umschläge, mit einem Gummiband zusammengehalten.

Ein kleines schwarzes Notizbuch.

Und drei Schlüssel an einem Metallanhänger.

Vesna wurde kreidebleich.

„Mach das zu.“ Niemand bewegte sich.

„Wie bitte?“, fragte ich.

„Ich sagte, du sollst die Schachtel schließen.“

Petra runzelte die Stirn.

„Mama?“

Vesna kam auf mich zu und wollte den Kartondeckel herunterdrücken.

Ich zog ihre Hand weg.

„Vesna, das ist an mich geliefert worden.“

„Du weißt doch gar nicht, was darin ist.“

„Genau deshalb schaue ich nach.“

Ich griff nach der Plastikmappe.

Und dann versuchte Vesna plötzlich, mir den gesamten Karton aus den Händen zu reißen.

So heftig, dass einer der Schlüssel auf die Fliesen fiel.

Das Metall klirrte laut über den Boden.

Alle verstummten.

Marko stand auf.

„Mama, bist du verrückt geworden?“

Vesna stand vor mir und hielt den Karton an beiden Seiten fest.

„Gib ihn mir.“

„Warum?“

„Das gehört nicht dir.“

Ich wusste einen Moment lang nicht, was ich sagen sollte.

Dann fragte ich langsam:

„Woher weißt du das?“

Vesna ließ den Karton los.

Zu spät.

Denn jetzt wussten wir alle, dass sie etwas wusste, das ich nicht wusste.

Marko schloss die Küchentür.

„Mama, setz dich.“

„Ich setze mich nicht.“

„Dann bleib stehen. Aber du wirst uns das erklären.“

„Ich habe nichts zu erklären.“

Ich nahm die Plastikmappe.

Das erste Dokument war ein Schreiben der Firma Depo Jurić.

Ich las laut vor:

„Sehr geehrte Frau Kovačević, aufgrund der Schließung unseres Lagerstandortes in Sesvete und der erfolglosen Versuche, den Mieter des Lagerabteils B-17 zu erreichen …“

Ich hielt inne.

„Mieter?“

Marko trat neben mich.

Ich las weiter.

„… werden die im Abteil aufgefundenen Gegenstände sowie die beim Abschluss des Mietvertrags hinterlassenen Unterlagen an die in der Kopie des Ausweises angegebene Adresse gesendet.“

Ich sah Vesna an.

„Ich habe nie ein Lager gemietet.“

„Vielleicht hast du es vergessen“, sagte sie. Luka wollte beinahe lachen, aber als er mein Gesicht sah, verstummte er.

„Man vergisst doch nicht, dass man ein Lager gemietet hat“, sagte ich.

In der Mappe lag der Mietvertrag.

Datum: vor vier Jahren.

Mieterin: Ivana Kovačević.

Mein Name.

Meine damalige Ausweisnummer.

Meine alte Adresse, bevor Marko und ich unsere Wohnung gekauft hatten.

Und eine Unterschrift.

Meine Unterschrift.

Zumindest sollte sie es sein.

Ich betrachtete sie einige Sekunden.

„Ich habe das nicht unterschrieben.“

Marko nahm das Dokument.

Petra beugte sich über seine Schulter.

„Sie sieht dir schon ähnlich.“

„Ja“, sagte ich. „Ähnlich.“

Aber ich schrieb den Anfangsbuchstaben meines Namens völlig anders.

Jemand hatte versucht, meine Unterschrift nachzuahmen.

Nur nicht gut genug.

„Was war in dem Lager?“, fragte Filip.

Ich öffnete einen Umschlag.

Darin lagen Zahlungsbelege.

Vier Jahre lang war das Lager regelmäßig bezahlt worden.

Bar.

Alle drei Monate.Auf mehreren Quittungen standen die Initialen der Person, die bezahlt hatte.

V. K.

Vesna Kovačević.

Marko legte die Unterlagen langsam auf den Tisch.

„Mama.“

Vesna verschränkte die Arme.

„Das beweist gar nichts.“

Petra starrte sie an.

„V. K.?“

„In Kroatien gibt es eine Million Menschen mit diesen Initialen.“

„Aber eine davon versucht gerade, mir den Karton wegzunehmen“, sagte ich.

Vesna sah mich scharf an.

„Pass auf, wie du mit mir redest.“

„Ich glaube, du hast gerade das Recht verloren, mir den Ton vorzuschreiben.“

Marko drehte sich zu seiner Mutter.

„Hast du das Lager unter Ivanas Namen gemietet?“

Vesna antwortete nicht.

Das war Antwort genug.

Mein Herz schlug mir bis zum Hals.

Ich verstand noch immer nicht, warum sie das getan hatte.

Aber am schlimmsten war der Gedanke, dass jemand jahrelang eine Kopie meines Ausweises besessen hatte.

„Woher hattest du meine Dokumente?“

„Das spielt jetzt keine Rolle.“

„Wie bitte?“

„Du warst unsere Schwiegertochter. Wir hatten Kopien deiner Unterlagen wegen dieser Versicherung.“

Da erinnerte ich mich.

Ein Jahr nach unserer Hochzeit hatte Markos Vater Branko uns geholfen, über einen Bekannten eine günstigere Zusatzversicherung für das Auto abzuschließen.

Ich hatte Marko damals ein Foto meines Ausweises geschickt.

Offenbar hatte er es an seinen Vater weitergeleitet.

Und irgendwann war es bei Vesna gelandet.

„Du hast meinen Ausweis ohne meine Erlaubnis benutzt?“

„Jetzt dramatisierst du.“

Dieser Satz machte mich wütender als alles andere.

„Jemand hat meine Unterschrift gefälscht.“

Vesna antwortete sofort:

„Ich habe sie nicht gefälscht.“

In der Küche wurde es so still, dass man die Spülmaschine hören konnte. Marko schloss kurz die Augen.

„Niemand hat gesagt, dass du es warst.“

Vesna erkannte ihren Fehler.

Zu spät.

Petra flüsterte:

„Mama …“

Vesna setzte sich.

Zum ersten Mal.

Ich nahm das schwarze Notizbuch aus der Schachtel.

Auf den ersten Seiten standen Daten und Beträge.

120 Euro.

240 Euro.

180 Euro.

Neben manchen Einträgen standen Namen.

Davor.

Maja.

Renato.

Irena.

Einige davon kannte ich.

Davor hatte eine Autowerkstatt.

Maja war Vesnas Freundin aus der Schulzeit.

Renato hatte jahrelang mit Branko gearbeitet.

„Was ist das?“, fragte Marko.

Vesna antwortete nicht.

Ich öffnete den nächsten Umschlag.

Darin lagen Fotos.

Keine Familienfotos.

Auf dem ersten Bild waren etwa zwanzig Kartons in einem Lagerraum zu sehen.

Auf dem zweiten ein Kleiderständer mit Kleidern.

Auf dem dritten mehrere große Plastiksäcke mit Etiketten.

„Kleidung?“, fragte Petra.

Vesna seufzte.

„Ja.“

Marko sah noch verwirrter aus.

„Warum hast du Kleidung in einem Lager versteckt, das auf Ivana lief?“

„Weil ich nicht wollte, dass euer Vater davon erfährt.“

In diesem Moment hörten wir eine Stimme aus dem Wohnzimmer.

„Dass ich was nicht erfahren soll?“

Alle drehten sich um.

Branko stand in der Tür.

Wir hatten gar nicht bemerkt, dass er zurückgekommen war. Er hatte seinen Autoschlüssel genommen und war noch einmal losgefahren, um den Wein zu holen, den er vergessen hatte.

Vesna schloss die Augen.

Branko kam zum Tisch.

Marko reichte ihm den Mietvertrag.

Er las vielleicht eine halbe Minute.

Dann sah er seine Frau an.

„Vier Jahre?“

„Branko, es ist nicht so, wie es aussieht.“

„Wie sieht es denn aus?“

„Ich hatte keinen Liebhaber, falls du das denkst.“

Branko lachte kurz.

Es war kein freundliches Lachen.

„An einen Liebhaber habe ich überhaupt nicht gedacht, bis du es erwähnt hast.“

Vesna murmelte etwas vor sich hin.

Ich öffnete den nächsten Umschlag.

Darin lagen Rechnungen aus Italien und Slowenien.

Triest.

Ljubljana.

Maribor. Rechnungen für Damenkleidung, Taschen und Schuhe.

Aber die Mengen waren völlig unrealistisch für private Einkäufe.

Fünfzehn Kleider.

Vierundzwanzig Blusen.

Zehn Paar Schuhe.

Branko verstand sofort.

„Du hast wieder Kleidung verkauft.“

Vesna sah auf den Tisch.

Marko blickte seinen Vater an.

„Wieder?“

Dieses Wort hatte niemand von uns erwartet.

Branko setzte sich.

„Vor fast zwanzig Jahren hat deine Mutter schon einmal Kleidung aus Italien verkauft. Nichts Ungewöhnliches. Damals haben viele Leute so eingekauft. Aber irgendwann begannen die Schulden. Leute kauften auf Rechnung, sie bestellte neue Ware, Kreditkarten liefen voll …“

„So war es nicht“, protestierte Vesna.

„Doch. Genau so war es. Ich habe damals Schulden in Höhe von umgerechnet elf­tausend Euro bezahlt.“

Petra starrte ihre Mutter an.

„Mama, davon hast du uns nie erzählt.“

„Weil es euch nichts anging.“

Branko zeigte auf die Schachtel.

„Und das hier?“

Vesna schwieg.

Plötzlich ergaben die Zahlen im Notizbuch Sinn.

Sie hatte jahrelang heimlich weiter Kleidung an Bekannte, Nachbarinnen und Kolleginnen verkauft.

Offenbar hatte sie das Lager nicht auf ihren Namen laufen lassen, damit Branko weder Rechnungen noch Mahnungen oder andere Unterlagen finden konnte.

Aber eine Sache verstand ich noch immer nicht.

„Warum ausgerechnet mein Name?“

Vesna sah mich an.

Und zum ersten Mal an diesem Tag sah ich in ihren Augen keine Wut.

Ich sah Scham.

„Das sollte nur vorübergehend sein.“

„Vier Jahre?“

„Ich wollte den Vertrag umschreiben lassen.“

„Warum hast du es nicht getan?“

„Ich konnte nicht.“

„Warum?“

Sie antwortete nicht.

Branko nahm das Notizbuch und blätterte bis zum Ende.

Plötzlich hielt er inne.

„Was ist das?“

Auf den letzten Seiten standen deutlich höhere Beträge.

2.000.

3.500.

1.800.

5.000.

Neben den Zahlen standen keine Kundennamen.

Nur Abkürzungen.

„Ein Kredit?“

Branko durchsuchte die Unterlagen. Dann fand er ein weiteres Dokument, viermal gefaltet.

Als er es aufklappte, sprang Vesna auf.

„Branko, gib mir das.“

Doch diesmal gab Markos Vater es ihr nicht.

Es war ein privater Darlehensvertrag.

15.000 Euro.

Schuldnerin: Vesna Kovačević.

Gläubiger: Renato Barišić.

Datum: vor zwei Jahren.

Rückzahlung: innerhalb von achtzehn Monaten.

Die Frist war längst abgelaufen.

„Wie viel schuldest du ihm noch?“, fragte Branko.

„Nicht viel.“

„Wie viel?“

„Branko …“

„Wie viel?“

Vesna senkte den Kopf.

„Sieben­tausend.“

Petra schlug sich die Hand vor den Mund.

Doch ich starrte weiterhin auf die Schachtel.

Denn ganz unten lag noch ein großer brauner Umschlag.

Darauf stand handschriftlich:

IVANA

Ich kannte die Schrift nicht.

Vesna schon.

Als ich danach griff, sagte sie sofort:

„Den machst du bitte nicht auf.“

„Warum?“

„Das hat mit dem hier nichts zu tun.“

„Da steht mein Name drauf.“

„Ivana …“

„Was ist darin?“

Vesna versuchte nicht mehr, wütend zu klingen.

Sie klang müde.

„Etwas, das ich dir vor zwei Jahren hätte geben sollen.“

Ich öffnete den Umschlag.

Darin war nichts Spektakuläres.

Nur ein Überweisungsbeleg.

Und ein handgeschriebener Zettel.

Zuerst sah ich auf den Beleg.

5.000 Euro.

Empfänger: Vesna Kovačević.

Absender: Renato Barišić.

Das Datum kannte ich.

Es war die Woche gewesen, in der ich meinen Arbeitsplatz verloren hatte.Die Firma, bei der ich arbeitete, hatte meine Abteilung geschlossen.

Marko und ich hatten gerade eine neue Küche für unsere Wohnung bestellt, und ich schämte mich damals, ihm zu sagen, wie sehr mich die Angst vor dem Kredit belastete.

Vesna war damals zu uns gekommen und hatte mir einen Umschlag mit 5.000 Euro gegeben.

Sie sagte, das sei Geld, das sie jahrelang für Marko zurückgelegt hatte.

Wir wollten es nicht nehmen.

Sie bestand darauf.

Am Ende nahmen wir nur 2.000 Euro und versprachen, sie zurückzuzahlen.

Wir hatten ihr das gesamte Geld sechs Monate später zurückgegeben.

Jetzt verstand ich es.

Es war nicht Markos Erspartes gewesen.

Es war geliehenes Geld.

Von Renato.

Ich las die Nachricht.

Vesnas Handschrift.

„Für Ivana. Wenn sich alles beruhigt hat, muss ich ihr erklären, dass das Geld nicht unseres war. Sie hätte es abgelehnt, wenn sie die Wahrheit gewusst hätte. Sie soll nicht glauben, dass wir sie in ihrer schwierigsten Zeit allein gelassen haben.“

Ich sagte nichts.

Marko auch nicht.

Branko brach schließlich die Stille.

„Du hast dich verschuldet, um ihnen zu helfen?“

„Nicht nur deswegen.“

Vesna schüttelte den Kopf.

„Die Schulden gab es schon. Aber damals habe ich noch einmal fünftausend Euro aufgenommen.“

Sie sah mich an. „Ich wollte nicht, dass du es weißt.“

„Warum?“

„Weil du es abgelehnt hättest.“

Sie hatte recht.

Das hätte ich.

Sofort.

„Aber warum hast du nicht einfach gesagt, dass du kein Geld hast?“

Vesna lächelte bitter.

„Weil ich mein ganzes Leben lang allen erzählt habe, dass ich alles im Griff habe. Dass ich alles allein schaffen kann. Dass ich niemanden brauche.“

Branko sah zu Boden.

Plötzlich wirkte die Frau, die zehn Jahre lang meine Rezepte, Vorhänge, Arbeit, Erziehung unseres Sohnes und sogar die Art, wie ich Handtücher zusammenlegte, kommentiert hatte, sehr viel älter.

Aber ihre Gründe löschten nicht aus, was sie getan hatte.

„Du hast meine Dokumente benutzt“, sagte ich.

„Ich weiß.“

„Jemand hat meine Unterschrift gefälscht.“

„Ich war es.“

Marko schloss die Augen.

Vesna sprach weiter, bevor er etwas sagen konnte.

„Ich weiß, dass es falsch war. Ich habe nicht nachgedacht. Ich brauchte den Lagerraum, dein Vater hatte damals schon gesagt, dass er geht, wenn ich wieder mit dem Verkauf anfange, und der Vermieter wollte einen Ausweis sehen. Ich hatte eine Kopie von deinem.“

„Also hast du beschlossen, einfach ich zu sein?“ „Ich habe nichts anderes unter deinem Namen gemacht. Keine Kredite. Keine Konten. Keine Steuerschulden. Nur das Lager.“

„Es war nicht ‚nur‘ ein Lager.“

„Ich weiß.“

Zum ersten Mal hörte ich diese Worte von ihr ohne ein „aber“.

Branko nahm die drei Schlüssel vom Tisch.

„Morgen gehen wir zu dem Lager.“

„Das Lager gibt es nicht mehr“, sagte ich. „Deshalb haben sie die Sachen geschickt.“

„Irgendwo müssen sie die Ware hingebracht haben.“

Im Schreiben stand tatsächlich, dass der restliche Inhalt bis zum Ende des Monats aus einem Übergangsraum abgeholt werden musste.

Vesna sagte leise:

„Es ist kaum noch etwas übrig.“

Marko sah sie an.

„Und die Schulden?“

„Sieben­tausend.“

Branko schüttelte den Kopf.

„Diesmal werde ich sie nicht hinter deinem Rücken bezahlen.“

Vesna hob den Blick.

„Ich habe auch nicht darum gebeten.“

„Nein. Diesmal setzen wir uns hin, schreiben alles auf und entscheiden gemeinsam, was verkauft werden kann, was du zurückzahlen kannst und wie du mit Renato sprichst.“

Petra fügte hinzu:

„Und du wirst Ivana schriftlich bestätigen, dass du ihre Daten ohne Erlaubnis benutzt hast.“

Vesna sah sie empört an.

„Du willst mir jetzt Vorschriften machen?“

„Ja, Mama. Heute schon.“

Ich hätte fast gelacht, wenn mir nicht so elend gewesen wäre.

Das Mittagessen aßen wir an diesem Tag fast kalt.

Niemand feierte Markos Beförderung so, wie wir es geplant hatten.

Drei Tage später gingen Vesna und ich gemeinsam zu der Firma, die die Unterlagen des geschlossenen Lagers übernommen hatte.

Vor meinen Augen unterschrieb sie eine Erklärung, dass sie den Mietvertrag mit einer Kopie meines Ausweises abgeschlossen und meine Unterschrift nachgeahmt hatte.

Der Vertrag wurde aufgelöst. Ich ließ außerdem prüfen, ob noch irgendetwas anderes auf meinen Namen registriert war.

Es gab nichts.

Branko bestand darauf, dass Vesna endlich sämtliche Schulden offenlegte.

Es waren nicht 7.000 Euro.

Es waren 8.460 Euro.

Als wir das erfuhren, erwartete ich die nächste Explosion.

Doch sie kam nicht.

Vesna verkaufte fast die gesamte verbliebene Ware zum Einkaufspreis, gab ihr geheimes Geschäft auf und vereinbarte mit Renato monatliche Raten.

Branko zahlte die Schulden diesmal nicht.

Marko auch nicht.

Petra ebenfalls nicht.

Vesna begann, sie selbst zurückzuzahlen.

Und ungefähr einen Monat nach jenem Mittagessen kam wieder ein Paket.

Wieder an meinen Namen.

Als ich den Karton im Flur sah, musste ich trotz allem nervös lachen.

Doch diesmal stand auf dem Etikett:

Vesna Kovačević.

Ich öffnete ihn allein. Darin lag ein gusseiserner Topf, den ich seit Monaten in einem Geschäft in Zagreb bewundert hatte, der mir aber immer zu teuer gewesen war.

Dazu eine kurze Nachricht.

„Nicht auf Kredit. Nicht unter einem fremden Namen. Mit meiner eigenen Karte bezahlt. Rechnung liegt bei.“

Darunter stand:

„Und ja. Du kochst die Kartoffeln für den Salat doch richtig.“

Ich stand in der Küche und musste lachen.

Ich hatte Vesna nicht über Nacht verziehen.

Vertrauen kommt nicht mit einem Topf, einer Entschuldigung oder einem gemeinsamen Mittagessen zurück.

Aber etwas zwischen uns hatte sich verändert.

Früher musste Vesna immer die Frau sein, die alles wusste, alles konnte und niemals Fehler machte.

Nach dieser grauen Schachtel konnte sie diese Rolle nicht mehr spielen.

Und vielleicht wurde sie gerade deshalb zum ersten Mal seit zehn Jahren zu jemandem, mit dem ich tatsächlich normal reden konnte.

Trotzdem muss ich jedes Mal, wenn der Zusteller klingelt und sagt, dass ein Paket auf meinen Namen gekommen ist, an diesen Samstag denken.Marko grinst dann und fragt:

„Sollen wir zuerst prüfen, wo Mama ist?“

Und ich antworte meistens aus der Küche:

„Nicht nötig. Aber gib mir die Schere für den Karton.“

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