Nora erstarrte an der Küchenzeile, während sie den angebrannten Schaum vom Rand des Borschtsch-Topfes kratzte. Genau in diesem Moment begann Marks Telefon auf dem Kühlschrank wild zu vibrieren. Ihr Mann fläzte auf der Eckbank, den Laptop auf dem Schoß, und scrollte mit halbverschlafener Trägheit durch die Krypto-News. Er blickte nicht einmal auf, sondern tastete nur blind nach dem Gerät.
„Ja, Mama. Wir essen noch zu Abend. Nora hat Borschtsch gekocht. Einen Moment.“
Er presste die Handfläche auf das Mikrofon und nickte in Richtung des Rückens seiner Frau, als ob Nora diese Geste hätte sehen können.
„Mama fragt, ob du ihn auf Markknochen oder auf Hühnerbrust gekocht hast?“ Nora ballte die Kiefer so fest zusammen, dass ihre Zähne fast knirschten. Sie drehte sich langsam um, wie eine eingerostete Maschine. Ihr Blick war pures Gift.
„Sag ihr: auf Leitungswasser. Schön chloriert.“
Mark rollte mit den Augen – mit diesem „Es geht schon wieder los“-Ausdruck – und nahm die Hand vom Mikrofon.
„Auf Knochen, Mama. Ja, natürlich, so ist er gehaltvoller. Was? Gut, ich sag’s ihr später.“
Es war bereits der vierte Anruf an diesem Tag. Morgens wollte Elisabeth klären, mit welchem Programm Mark seine Hemden wusch, weil sie irgendwo gelesen hatte, dass hohe Schleuderzahlen dem Stoff schaden.

Mittags rief sie an, um ihrem Sohn persönlich die Vorhersage für magnetische Stürme vorzulesen. Und jetzt stand offenbar das Abendessen unter Kontrolle. Nora kannte diese Hölle auswendig. In fünf Jahren Ehe hatte sich ihr Leben in eine endlose Funkverbindung mit der Einsatzzentrale namens „Mama“ verwandelt.
„Mama findet, dass deine Roten Bete irgendwie blass geraten sind“, verkündete Mark, während er am Kompott nippte, ohne sich auch nur im Geringsten an der Dreistigkeit der Situation zu stören. „Beim Dünsten hättest du wohl ein bisschen Essig darüber gießen sollen, oder so was.“
„Deine Mutter kocht einmal im Jahr Borschtsch, an ihrem eigenen Geburtstag, und selbst der ist ungenießbar“, feuerte Nora zurück und schleuderte die Kelle mit solcher Wucht in die Spüle, dass schmutzige Wassertropfen durch die Küche spritzten. „Wenn sie so eine kulinarische Koryphäe ist, soll sie sich selbst an den Herd stellen!“
„Hör schon auf, ja?“, Mark klappte den Laptopdeckel mit der Resignation eines Mannes zu, der schon wieder einen kleinen Brand löschen muss. „Das war doch nur ein nützlicher Rat. Du nimmst jede unbedeutende Bemerkung sofort als persönlichen Angriff.“
Nora trocknete sich die Hände am karierten Geschirrtuch ab und biss sich von innen auf die Wange, um sich zu beherrschen. Nützlicher Rat. So nannte man heute also die Totalüberwachung.
Sie erinnerte sich an den vorletzten Abend im Einkaufszentrum. Mark probierte Übergangsschuhe an. Er hatte sie bereits geschnürt, stand auf und ging sogar schon in Richtung Kasse, als er plötzlich stoppte: „Warte. Ich fotografiere sie für Mama, sie soll mir sagen, ob der Schnitt nicht zu altmodisch ist.“ Und er fotografierte sie tatsächlich. Bevor Elisabeth nicht einen zustimmenden Sticker im Messenger geschickt hatte, fand der Kauf nicht statt.
Der Verkäufer sah den erwachsenen Mann mit solchem Mitleid an, dass Nora am liebsten im Boden versunken wäre.
Die Sommerpläne
Nach dem Essen, beim Klappern der Teller beim Abwasch, kam die Rede auf den Sommerurlaub. Nora sehnte sich nach Georgien. Seit einem halben Jahr träumte sie davon, hatte die Wanderrouten rund um den Kasbek ausgedruckt und sogar ein paar brockenhafte georgische Sätze auswendig gelernt.
Mark jedoch beharrte darauf, dass es nichts Besseres als das Gartengrundstück der Familie gäbe: sowohl billig als auch unkompliziert.
„Wir können uns das Ausland nicht leisten“, erklärte er in einem Ton, als sei er der Finanzdirektor der Familie. „Das Auto braucht neue Reifen, und da ist ja auch noch der Kredit für die Wohnung.“
„Ist das hier ein Zuhause oder ein Gefängnis?“, Nora drehte abrupt den Wasserhahn zu. „Schufte ich etwa wie ein Lasttier, nur damit wir Geld in die Wände dieser Wohnung stecken, und ich währenddessen niemals etwas von der Welt zu sehen bekomme?“
„Nora, denk doch mal rational. Wir fahren zum Grundstück meiner Eltern, frische Luft, Grillen… Mama hat schon die Tomatensetzlinge vorbereitet, wir müssen dann beim Hacken helfen.“
„Deine Mama hat sie vorbereitet?“, entgegnete Nora mit eisiger Ruhe. „Oder werden wir an ihrer Stelle hacken? Hast du überhaupt schon mal in deinem Leben eine Hacke in der Hand gehalten?“ Mark verzog beleidigt das Gesicht. Für ihn war alles einfacher. Jeglicher Widerstand seiner Frau ließ sich mit der schweren Artillerie namens „Mama hat eben mehr Lebenserfahrung“ entschärfen.
Das Fass läuft über
Der Höhepunkt kam, als Nora sich eine Fitness-Mitgliedschaft kaufte. Kein Luxusclub der Premiumklasse, sondern ein Kellerstudio, in dem der Gummibezug der Hanteln bereits bröselte, das aber ganz in der Nähe ihres Büros lag.
Es war ein Jahresabo, das sie von ihrem eigenen, mühsam ersparten Geld bezahlte – kleinen Beträgen, die sie sich durch günstigere Mittagessen zusammengespart hatte.
Am Abend glich Mark die Online-Bankauszüge ab und entdeckte die Transaktion sofort. Sein Gesicht wurde so lang, als hätte Nora die Familienreserven in einem illegalen Casino verspielt. Er zögerte keine Sekunde und startete sofort einen Videoanruf bei seiner Mutter.
„Mama, wir haben hier eine kleine Situation… Nora hat ein Abo gekauft. Ein Jahresabo. Für ein Fitnessstudio.“
Auf dem Bildschirm erschien Elisabeth, die gerade mit einem Wildledertuch ihre Brille putzte.
„Norachen“, erhob die Schwiegermutter ihre Stimme, die wie eine Gabel auf einem Teller kratzte. „Du bist dreißig Jahre alt, es wird Zeit, vernünftig zu werden, anstatt in hautengen Leggings herumzuspringen.
Das ist herausgeworfenes Geld. Krafttraining kann man auch zu Hause mit Wasserflaschen machen. Mark, mein Schatz, nun sag ihr das doch endlich!“
„Ich finde es ehrlich gesagt auch unvernünftig“, leierte Mark gehorsam herunter, während er den Blick irgendwo in die Nähe des Heizkörpers heftete. „Wir haben ja noch nicht mal den Kredit für den Kühlschrank abbezahlt.“
Nora stand im Türrahmen, die Arme vor der Brust verschränkt. Ihre Nägel gruben sich in die eigenen Ellbogen. Sie beobachtete diese Szene und sah das klassische Drama-Dreieck vor sich: Opfer, Täter und Retter. Nur dass sie in dieser Konstellation weder Retter noch Opfer war. Sie war das überflüssige Teil, der Schmutzfleck auf dem Familienwappen.
„Mark“, fragte sie leise, fast im Flüsterton. „Eitelt dich das hier eigentlich gar nicht an? Du erstattest Bericht über jeden einzelnen Nieser von mir. Wann hast du zum letzten Mal irgendetwas ganz allein entschieden?“
„Ich entscheide sehr wohl Dinge!“, fuhr der Mann auf. „Es ist nur so, dass Mama sich eben besser mit Finanzen auskennt. Und du wirfst das Geld ständig nur aus reiner Emotion heraus aus dem Fenster.“