Als die Frühschicht kam, war die Tür von innen verriegelt – das Licht brannte noch, aber von der Nachtwächterin fehlte jede Spur
Um 5:47 Uhr morgens stand Jens Vollmer vor dem kleinen Betriebsgebäude am Rand des Harzes und klopfte zum dritten Mal gegen die Scheibe.
Drinnen brannte Licht.
Der Wasserkocher auf der Ablage war noch an.
Auf dem Schreibtisch lag ein aufgeschlagenes Notizbuch.
Und die Eingangstür war von innen verriegelt.
Nur Katrin Mertens war verschwunden.
Jens sah durch das Seitenfenster in den Aufenthaltsraum.
„Katrin?“
Keine Antwort.
Hinter ihm knirschte der gefrorene Kies unter den Reifen des Dienstwagens. Der Januar war ungewöhnlich kalt gewesen, und über den kahlen Fichten lag eine dünne weiße Schicht. Weiter unten im Tal begann es gerade zu dämmern, aber hier oben war alles noch grau.
Die Station gehörte zu einem Wasserverband. Sie lag mehrere Kilometer von der nächsten Ortschaft entfernt und überwachte Pumpen, Pegelstände und den Druck in einer alten Leitung, die Trinkwasser aus einem Hochbehälter in mehrere Gemeinden brachte.
Keine besonders aufregende Arbeit.
Vor allem nachts nicht.
Normalerweise bestand die Nachtschicht daraus, alle zwei Stunden Messwerte zu kontrollieren, eine Runde durch den Technikbereich zu machen und Störungen telefonisch weiterzugeben.
Katrin mochte die Nächte.
Das hatte sie jedenfalls immer behauptet.
„Keiner redet dir rein“, hatte sie einmal zu Jens gesagt. „Und wenn alles läuft, kannst du in Ruhe deinen Kaffee trinken.“
Jens war Schichtleiter und kannte sie seit fast neun Jahren.
Katrin war zweiundvierzig, geschieden, lebte allein in Wernigerode und hatte einen erwachsenen Sohn, der in Leipzig studierte. Sie war zuverlässig, fast übertrieben zuverlässig. Wenn Katrin Dienst hatte, waren die Protokolle sauberer als bei allen anderen.
Sie ging nie vor Schichtende.
Nie.
Jens zog sein Handy heraus und rief sie an.
Durch das Fenster hörte er gedämpft ein Klingeln.
Das Telefon lag offenbar drinnen.
„Verdammt.“
Er ging einmal um das Gebäude herum.
Alle Fenster geschlossen.
Die Hintertür verriegelt.
Im Schnee sah er nur die alten Reifenspuren vom Vorabend und seine eigenen Fußabdrücke.
Keine Spuren, die vom Gebäude wegführten.
Um 6:02 Uhr rief er den Bereitschaftsdienst an.
Um 6:19 Uhr war die Polizei da.
Die Beamten mussten die Eingangstür über den technischen Schlüssel öffnen lassen.
Im Inneren wirkte zunächst alles normal.
Katrins Jacke hing am Haken.
Ihre Handtasche stand unter dem Schreibtisch.
Ihr Handy lag neben einer Tasse.
Die Tasse war halb voll.
Der Kaffee längst kalt.
Auf dem Stuhl lag ihr Schal.
Auf einem kleinen Teller befand sich ein angebissenes Käsebrot.
„Ist noch jemand während der Nacht hier gewesen?“, fragte eine Polizistin.
Jens schüttelte den Kopf.
„Nicht regulär.“
„Gibt es Kameras?“
„Außen. Zwei Stück.“
„Innen?“
„Nein.“
Die Beamten kontrollierten jeden Raum.
Büro.
Toilette.
Umkleide.
Werkstatt.
Elektroraum.
Pumpenhalle.
Nichts.
Hinter der Pumpenhalle gab es noch einen schmalen Wartungsgang, aber auch dort war niemand.
Ein junger Polizist kam zurück.
„Keine Spur.“
Jens runzelte die Stirn.
„Das geht nicht.“
„Was?“
„Sie muss irgendwo sein.“
Die Beamtin sah ihn an.
„Hat das Gebäude andere Ausgänge?“
„Nur die zwei Türen.“
„Fenster?“
„Alle fest.“
„Keller?“
„Technischer Hohlraum, aber kein richtiger Keller.“
Die Beamten ließen sich die Baupläne zeigen.
Dann überprüften sie die Außentüren.
Beide hatten Kontakte, die automatisch registrierten, wenn sie geöffnet wurden.
Die Logdateien ergaben etwas Merkwürdiges.
Die Eingangstür war um 21:11 Uhr geöffnet worden.
Katrin hatte laut Dienstplan um 21 Uhr begonnen.
Danach gab es bis zum Morgen keinen weiteren Eintrag.
Auch die Hintertür war während der gesamten Nacht nicht geöffnet worden.
„Vielleicht ist das System ausgefallen“, sagte einer der Polizisten.
Jens schüttelte den Kopf.
„Dann hätten wir einen Fehler im Protokoll.“
Um kurz vor acht sahen sie die Aufnahmen der Außenkameras.
Katrins Kleinwagen war um 21:07 Uhr auf den Parkplatz gefahren.
📍 Was die Einsatzkräfte hinter dieser alten Wand fanden, änderte die Richtung der Suche völlig – die Fortsetzung steht im ersten Kommentar.

Sie stieg aus.
Trug eine Tasche und eine Thermoskanne.
Sie ging zur Eingangstür.
Um 21:11 Uhr verschwand sie im Gebäude.
Danach war auf keiner Kamera mehr jemand zu sehen.
Bis Jens am Morgen auftauchte.
Die Polizei begann, die Umgebung abzusuchen.
Freiwillige Feuerwehrleute kamen.
Später auch ein Suchhund.
Der Hund nahm Katrins Geruch an ihrer Jacke auf, lief durch das Gebäude und blieb schließlich im Technikbereich stehen.
Direkt vor einer Wand.
Dahinter verliefen dicke Rohrleitungen.
„Was ist da?“, fragte der Hundeführer.
Jens blickte auf die Wand.
„Nichts.“
„Ganz sicher?“
„Eine alte Versorgungstrasse. Aber die ist seit Jahren stillgelegt.“
„Kommt man da rein?“
Jens zögerte.
„Früher gab es einen Zugang.“
„Wo?“
Er zeigte auf einen schweren Metallschrank an der Seitenwand.
„Der Schacht war dahinter. Wurde irgendwann zugemacht.“
Sie schoben den Schrank zur Seite.
Dahinter war tatsächlich eine schmale Metalltür.
Mit mehreren Schrauben verschlossen.
Jens starrte darauf.
„Die hat seit Jahren keiner geöffnet.“
Ein Feuerwehrmann holte Werkzeug.
Nach zehn Minuten war die Tür offen.
Dahinter führte eine eiserne Leiter nach unten.
Dunkelheit.
Feuchte Luft.
Der Hundeführer ließ die Taschenlampe in den Schacht leuchten.
„Katrin!“
Keine Antwort.
Sie stiegen hinunter.
Der alte Versorgungsgang war eng, vielleicht eineinhalb Meter hoch. Rostige Halterungen ragten aus den Wänden. An einigen Stellen lagen alte Kabel.
Der Hund lief zwanzig Meter weit.
Dann blieb er stehen.
Vor einer vermauerten Stelle.
Dort endete die Spur.
Zunächst glaubten alle, Katrin müsse durch diesen Gang verschwunden sein.
Doch das Problem war offensichtlich.
Die Wand vor ihnen bestand aus alten Betonsteinen und war fest.
Keine Tür.
Kein Durchgang.
Nichts.
Ein Feuerwehrmann klopfte dagegen.
Dumpf.
„Dahinter ist ein Hohlraum.“
Jens sah ihn an.
„Unmöglich.“
„Hören Sie selbst.“
Er klopfte noch einmal.
Diesmal hörte Jens es auch.
Hinter dem Mauerwerk war tatsächlich Raum.
Sie riefen einen Techniker des Wasserverbands hinzu, der alte Unterlagen über die Station brachte.
In einem Bauplan von 1978 tauchte ein Bereich auf, den niemand mehr auf dem aktuellen Plan kannte.
„Messkammer B.“
Jens zeigte auf die Stelle.
„Was war das?“
Der Techniker runzelte die Stirn.
„Früher wurde dort manuell der Druck geregelt. Noch vor der Automatisierung.“
„Gibt es einen zweiten Zugang?“
Der Mann blätterte.
Dann stoppte er.
„Ja.“
„Wo?“
„Außerhalb des Gebäudes.“
Sie suchten fast eine Stunde.
Schließlich fanden sie ihn unter Schnee, Erde und Gestrüpp.
Eine niedrige Betonplatte, vielleicht dreißig Meter vom Gebäude entfernt, am Hang.
Darunter lag eine alte Stahltür.
Sie war nicht verschlossen.
Sie war nur so stark verrostet, dass zwei Feuerwehrleute sie gemeinsam aufziehen mussten.
Der Gang dahinter führte direkt in Richtung Station.
Alle erwarteten, Katrin dort zu finden.
Sie fanden stattdessen etwas anderes.
Eine Decke.
Eine Taschenlampe.
Zwei leere Wasserflaschen.
Und eine kleine Plastikkiste.
In der Kiste lagen Lebensmittel, Batterien, ein altes Radio und mehrere Zeitungsausschnitte.
Sie waren nicht frisch.
Einige mehrere Monate alt.
„Hier war jemand“, sagte ein Beamter.
Jens fühlte, wie ihm kalt wurde.
„Katrin?“
Die Polizistin antwortete nicht.
Sie durchsuchten den gesamten Hohlraum.
Katrin war nicht dort.
Aber auf dem staubigen Boden fanden sie Fußspuren.
Mehrere.
Manche waren alt.
Eine war frisch.
Die frische Spur führte vom Außeneingang hinein.
Bis zu einer schmalen Tür auf der anderen Seite des Raumes.
Diese Tür führte zurück in den Technikbereich der Station.
Nicht durch die vermauerte Stelle.
Sondern durch einen zweiten, kaum sichtbaren Wartungszugang hinter einer Rohrverkleidung.
Plötzlich war klar, dass jemand unbemerkt in das Gebäude gelangen konnte.
Ohne die offiziellen Türen zu öffnen.
Die Polizei behandelte den Fall ab diesem Moment nicht mehr als vermisste Person.
Sondern als mögliches Verbrechen.
Katrins Kollegen wurden befragt.
Ihre Familie.
Ihr Exmann.
Ihr Sohn.
Niemand wusste von Problemen.
Ihr Sohn, David, kam noch am selben Abend aus Leipzig.
„Sie hätte mich angerufen“, sagte er.
Seine Stimme zitterte.
„Wenn irgendwas gewesen wäre, hätte sie angerufen.“
„Hat Ihre Mutter in letzter Zeit von jemandem gesprochen?“, fragte die Beamtin.
David schüttelte den Kopf.
Dann hielt er inne.
„Doch.“
Alle sahen ihn an.
„Vor zwei Wochen sagte sie, nachts sei irgendwas komisch.“
„Was genau?“
„Sie meinte, jemand verändert Sachen.“
„Welche Sachen?“
„Keine Ahnung. Eine Tasse stand anders. Eine Schranktür war offen. So Kleinigkeiten.“
Jens wurde blass.
Auch er erinnerte sich plötzlich.
Katrin hatte drei Wochen zuvor einen Eintrag im internen Schichtbuch gemacht:
„Wartungsraum morgens offen vorgefunden. Bitte prüfen.“
Er hatte darunter geschrieben:
„Vermutlich nicht richtig geschlossen.“
Er hatte es vergessen.
Am nächsten Tag sichtete die Polizei Wochen an Außenaufnahmen.
Zunächst war nichts zu erkennen.
Dann fiel einer Ermittlerin etwas auf.
An drei Nächten war im unteren Bereich einer Kamera kurz eine Bewegung zu sehen.
Nicht auf dem Parkplatz.
Am Waldrand.
Eine dunkle Gestalt.
Immer zwischen zwei und drei Uhr.
Immer nur wenige Sekunden.
Die Person kam offenbar nicht über die Zufahrt.
Sie kam vom Hang.
Genau aus Richtung des alten Außenzugangs.
Die Polizei installierte zusätzliche Kameras und begann, ehemalige Mitarbeiter der Station zu überprüfen.
Dabei tauchte ein Name auf.
Thomas Rehfeld.
Fünfundfünfzig Jahre alt.
Früher Elektriker beim Wasserverband.
Vor sieben Jahren entlassen.
Jens erinnerte sich an ihn.
„Schwieriger Typ“, sagte er.
„Warum wurde er entlassen?“
„Diebstahl. Werkzeug. Material. Irgendwann fehlte Kupfer.“
„Kannte er die alten Tunnel?“
Jens nickte langsam.
„Besser als jeder andere.“
Rehfeld lebte offiziell in Goslar.
Als die Polizei ihn aufsuchte, war er nicht zu Hause.
Sein Auto stand jedoch vor dem Haus.
Im Keller fanden die Beamten mehrere Kanister, Arbeitskleidung und alte Schlüssel des Wasserverbands.
Aber keine Katrin.
Drei Tage waren inzwischen vergangen.
Temperaturen nachts: minus acht Grad.
Die Hoffnung wurde kleiner.
Am vierten Tag bekam Jens einen Anruf.
Es war Katrins Nummer.
Er erstarrte.
„Katrin?“
Am anderen Ende hörte er nur ein Geräusch.
Atmen.
Dann eine Frauenstimme.
Sehr leise.
„Jens.“
„Katrin! Wo bist du?“
„Nicht… Station.“
„Wo?“
Die Verbindung brach ab.
Die Polizei ortete das Signal.
Nicht in der Nähe der Wasserstation.
Sondern fast vierzig Kilometer entfernt.
Bei einem verlassenen Ferienhausgebiet nahe Bad Lauterberg.
Eines der Häuser gehörte Thomas Rehfelds verstorbenem Vater.
Als die Polizei dort eintraf, stand die Haustür offen.
Im Keller fanden sie Katrin.
Lebend.
Unterkühlt.
Dehydriert.
Mit einer Verletzung am Hinterkopf.
Rehfeld war verschwunden.
Er wurde zwei Tage später an einem Bahnhof in Kassel festgenommen.
Was wirklich passiert war, ergab sich erst nach und nach.
Rehfeld hatte den alten Zugang zur Station seit Monaten benutzt.
Nicht um jemanden zu beobachten.
Sondern um Kupferleitungen und elektrische Bauteile aus stillgelegten Bereichen auszubauen und zu verkaufen.
Er kam immer nachts, wenn er anhand der Schichtpläne wusste, wer Dienst hatte.
Bei den meisten Mitarbeitern blieb er im alten Versorgungstrakt.
Katrin jedoch hatte Geräusche gehört.
Zuerst glaubte sie an Tiere.
Dann bemerkte sie Veränderungen im Technikraum.
Sie begann, genauer hinzusehen.
In der Nacht ihres Verschwindens hörte sie gegen 2:30 Uhr Metallgeräusche.
Sie ging in den Wartungsbereich.
Dort überraschte sie Rehfeld.
Er geriet in Panik.
Später behauptete er, Katrin habe ihn sofort erkannt und angekündigt, die Polizei zu rufen.
Es kam zu einem Gerangel.
Katrin stürzte gegen eine Rohrhalterung und verlor kurz das Bewusstsein.
Rehfeld dachte zunächst, sie sei tot.
Aus Angst schleppte er sie durch den alten Tunnel nach draußen.
Deshalb blieb keine Spur auf den offiziellen Türkontakten.
Er brachte sie in das Ferienhaus.
Dort kam sie wieder zu sich.
Rehfeld band sie nicht dauerhaft fest.
Er schloss sie im Keller ein und nahm ihr Handy weg.
Was er nicht wusste: Katrin hatte ein zweites kleines Diensthandy in der Jackentasche.
Die Jacke hatte er zusammen mit anderen Sachen in einen Nebenraum gelegt.
Am vierten Tag gelang es ihr, die Tür zum Nebenraum mit einem alten Metallstück aufzudrücken.
Sie fand das Telefon.
Der Akku hatte nur noch wenige Prozent.
Sie rief Jens an.
Nicht ihren Sohn.
Später fragte David sie warum.
Katrin lag da bereits im Krankenhaus in Nordhausen.
Ihr Gesicht war blass, aber sie lächelte.
„Weil ich wusste, dass Jens sofort denkt, es geht um die Station.“
David schüttelte den Kopf.
„Du hättest auch einfach die Polizei anrufen können.“
Katrin sah ihn an.
Dann sagte sie:
„Nach vier Tagen im Keller denkt man nicht mehr besonders logisch.“
Rehfeld wurde später wegen Freiheitsberaubung, gefährlicher Körperverletzung und weiterer Delikte verurteilt.
Die alte Station wurde vollständig umgebaut.
Alle stillgelegten Zugänge wurden verschlossen.
Neue Kameras kamen hinzu.
Und die Nachtschichten wurden fortan nie mehr allein besetzt.
Jens arbeitete noch drei Jahre dort.
Katrin nicht.
Nach ihrer Genesung kündigte sie.
Nicht sofort.
Sie versuchte es noch einmal.
Zwei Monate nach dem Vorfall fuhr sie an einem Nachmittag zur Station.
Jens war dort.
„Willst du reinkommen?“, fragte er.
Katrin stand vor der Eingangstür.
Sie sah hinein.
Auf den Schreibtisch.
Auf den Wasserkocher.
Auf den Haken, an dem früher ihre Jacke gehangen hatte.
Dann schüttelte sie den Kopf.
„Nein.“
„Bist du sicher?“
„Ja.“
Sie blieb noch einen Moment stehen.
Dann sagte sie etwas, das Jens später nie vergaß.
„Weißt du, was das Schlimmste war?“
„Der Keller?“
Katrin schüttelte den Kopf.
„Nein.“
„Was dann?“
Sie sah auf die geschlossene Eingangstür.
„Dass ich in dieser Nacht minutenlang dachte, ich wäre dort völlig allein.“
Jens sagte nichts.
Katrin atmete tief ein.
„Und dann habe ich gemerkt, dass ich es nicht war.“
Danach stieg sie in ihr Auto und fuhr davon.
Die Station blieb hinter ihr zurück.
Licht in den Fenstern.
Türen verschlossen.
Und diesmal wusste jeder ganz genau, was sich dahinter befand.