Zwei Freundinnen wollten nur ein Wochenende ans Meer fahren – am nächsten Morgen stand ihr Wagen verlassen an einer Landstraße, ein Reifen war platt und auf der Motorhaube standen zwei noch fast volle Kaffeebecher

by 04impress
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Als Polizeihauptmeister Daniel Krüger an diesem Samstagmorgen den silbergrauen Opel Astra am Rand der Bundesstraße 105 entdeckte, dachte er zunächst an eine gewöhnliche Panne.

Der Wagen stand knapp außerhalb von Ribnitz-Damgarten auf einem schmalen Seitenstreifen, halb im Gras, halb auf dem Asphalt. Das rechte Hinterrad war völlig platt. Die Warnblinkanlage war aus, die Fahrertür abgeschlossen.

Ungewöhnlich waren nur die beiden Pappbecher auf der Motorhaube.

Sie standen nebeneinander, als hätte jemand sie dort vor wenigen Minuten abgestellt.

Krüger parkte den Streifenwagen dahinter und stieg aus.

Es war kurz nach sieben Uhr morgens. Über den Feldern hing noch leichter Nebel, und die Straße war fast leer.

Er berührte vorsichtig einen der Becher.

Kalt.

Im Inneren befand sich noch Kaffee.

Auf dem Deckel des linken Bechers war mit schwarzem Filzstift „Lena“ geschrieben.

Auf dem anderen stand „Mara“.

Krüger ging einmal um das Auto herum.

Keine sichtbaren Unfallschäden.

Keine eingeschlagene Scheibe.

Kein Blut.

Er leuchtete durch das Seitenfenster.

Auf dem Rücksitz lagen zwei Jacken, eine Stofftasche und ein Reiseführer über die Ostseeküste. Auf dem Beifahrersitz befand sich eine geöffnete Packung Salzbrezeln.

Im Fußraum lag ein einzelner weißer Turnschuh.

Was fehlte, waren die beiden Frauen.

Die Halterabfrage führte zu Lena Hartmann, 31 Jahre alt, wohnhaft in Berlin-Pankow.

Noch während Krüger die Daten überprüfte, meldete sich die Einsatzleitstelle.

Eine Frau aus Berlin hatte wenige Minuten zuvor ihre Tochter als vermisst gemeldet.

Lena Hartmann.

Und ihre beste Freundin Mara Vogt.

Die beiden Frauen waren am Freitag gegen Mittag von Berlin aus aufgebrochen. Ihr Ziel war ein kleines Gästehaus in Wustrow auf dem Darß, wo sie zwei Nächte verbringen wollten.

Ein spontanes Wochenende am Meer.

Zumindest hatte Lena es ihrer Mutter so erzählt.

Lena und Mara kannten sich seit der Berufsschule. Lena arbeitete mittlerweile als Grafikdesignerin für eine kleine Agentur, Mara als Physiotherapeutin in einer Praxis in Charlottenburg.

Ihre Freundschaft war eng geblieben, obwohl beide inzwischen völlig unterschiedliche Leben führten.

Lena war organisiert, vorsichtig und fast zwanghaft pünktlich.

Mara war das Gegenteil.

Sie buchte Zugtickets fünf Minuten vor Abfahrt, verlor regelmäßig ihre Wohnungsschlüssel und behauptete gern, ein richtiger Urlaub brauche keinen Plan.

Am Freitagabend hatte Lena ihrer Mutter noch eine Nachricht geschickt.

📍 Doch was in jener Nacht wirklich an der Landstraße geschah, wurde erst klar, als die Ermittler einen kaum sichtbaren Hinweis im Inneren des Autos fanden – die vollständige Geschichte geht im ersten Kommentar weiter. 👇

„Sind fast da. Alles gut. Melde mich morgen.“

Die Nachricht war um 19:12 Uhr verschickt worden.

Danach nichts mehr.

Das Gästehaus in Wustrow bestätigte später, dass die Frauen niemals angekommen waren.

Die Besitzerin hatte zunächst angenommen, sie hätten kurzfristig abgesagt.

Doch am Samstagmorgen hatte Lenas Mutter angerufen.

Da wurde klar, dass etwas nicht stimmte.

Die Polizei ließ das Fahrzeug abschleppen und begann noch am Vormittag mit der Suche in der Umgebung.

Hundeführer liefen die Feldwege entlang.

Beamte kontrollierten Bushaltestellen, Tankstellen und kleine Parkplätze.

Ein Hubschrauber flog die angrenzenden Waldstücke ab.

Ohne Ergebnis.

Dann entdeckte ein Ermittler etwas Merkwürdiges im Wagen.

Im Kofferraum lagen beide Reisetaschen.

Darin befanden sich Kleidung, Kosmetik, Ladegeräte und Badehandtücher.

Auch Maras Portemonnaie lag dort.

Lenas Handtasche stand unter dem Beifahrersitz.

Beide Geldbörsen enthielten Bargeld, Bankkarten und Ausweise.

Ihre Mobiltelefone fehlten allerdings.

„Wenn die freiwillig irgendwohin gegangen sind“, sagte Kriminalkommissarin Anne Feldmann später bei der ersten Lagebesprechung, „warum lassen sie dann alles zurück?“

Niemand hatte eine gute Antwort.

Noch am selben Nachmittag wurden die Mobilfunkdaten ausgewertet.

Lenas Telefon hatte sich zuletzt um 22:46 Uhr in eine Funkzelle südlich von Ribnitz-Damgarten eingeloggt.

Maras Handy zehn Minuten später.

Danach waren beide Geräte offline.

Das passte ungefähr zum Fundort des Autos.

Aber nicht zur Nachricht an Lenas Mutter.

Denn wenn die Frauen um 19:12 Uhr geschrieben hatten, sie seien „fast da“, hätten sie Wustrow normalerweise spätestens eine Stunde später erreichen müssen.

Stattdessen befanden sie sich mehr als drei Stunden später noch immer weit südlich ihres eigentlichen Ziels.

Die Frage lautete plötzlich nicht mehr nur, wo die beiden waren.

Sondern auch, was sie in diesen drei Stunden getan hatten.

Die Polizei rekonstruierte die Fahrt.

An einer Autobahnraststätte bei Neuruppin waren Lena und Mara gegen 15 Uhr von einer Überwachungskamera aufgenommen worden.

Sie wirkten entspannt.

Mara kaufte zwei belegte Brötchen und eine Flasche Wasser.

Lena telefonierte draußen.

Um 17:38 Uhr tankten sie an einer Station bei Rostock.

Auch dort gab es Kamerabilder.

Beide Frauen waren zu sehen.

Niemand schien ihnen zu folgen.

Sie stritten nicht.

Sie wirkten nicht nervös.

Danach verschwanden sie für mehrere Stunden aus sämtlichen Kameras.

Erst um 21:57 Uhr tauchte der Opel erneut auf.

Diesmal auf dem Video einer kleinen Tankstelle an einer Landstraße.

Der Betreiber erinnerte sich später erstaunlich gut an die beiden Frauen.

„Die eine hat gefragt, ob es hier irgendwo einen Reifenservice gibt“, erzählte er.

„Ich sagte, um die Uhrzeit nicht mehr.“

Der hintere Reifen habe bereits Luft verloren.

Mara kaufte zwei große Kaffee.

Lena telefonierte draußen auf dem Parkplatz.

„War noch jemand bei ihnen?“, fragte Feldmann.

Der Tankstellenbetreiber dachte nach.

„Ein Mann hat ihnen angeboten zu helfen.“

Damit änderte sich die gesamte Richtung der Ermittlungen.

Der Mann war ungefähr fünfzig Jahre alt, trug eine dunkelblaue Arbeitsjacke und fuhr einen weißen Transporter.

Auf der Kamera war er nur von hinten zu sehen.

Er sprach kurz mit Mara, deutete auf den Reifen und ging anschließend zu seinem Fahrzeug.

Zehn Minuten später verließen beide Fahrzeuge die Tankstelle.

Zuerst der Opel.

Direkt dahinter der weiße Transporter.

Als Feldmann die Aufnahme zum dritten Mal sah, blieb ihr Blick auf einem Detail hängen.

Der Transporter hatte auf der rechten Hecktür einen schmalen roten Streifen.

Darunter war möglicherweise Schrift zu erkennen.

Die Auflösung reichte jedoch nicht aus.

Am nächsten Morgen wurde eine öffentliche Fahndung herausgegeben.

Die Polizei suchte nach dem Fahrer des weißen Transporters.

Gleichzeitig fanden Spurensicherer am Opel etwas, das zunächst niemand erklären konnte.

Der Reifen war nicht einfach durch einen Nagel oder einen scharfkantigen Gegenstand beschädigt worden.

Das Ventil war herausgedreht worden.

Nicht vollständig.

Nur so weit, dass langsam Luft entweichen konnte.

„Das macht kein Zufall“, sagte der Sachverständige.

Feldmann blickte zum Wagen.

„Dann wollte jemand, dass sie irgendwann anhalten.“

Die Nachricht verbreitete sich schnell.

Innerhalb weniger Stunden meldeten sich mehrere Personen, die weiße Transporter gesehen haben wollten.

Die meisten Hinweise führten nirgendwohin.

Dann rief ein älterer Mann namens Jürgen Reimers an.

Er wohnte etwa vier Kilometer vom Fundort entfernt.

Am Freitagabend hatte er gegen 23 Uhr mit seinem Hund einen Feldweg entlanggelaufen.

Dabei hatte er einen weißen Transporter auf einem kleinen Parkplatz am Waldrand gesehen.

„Ich dachte, da macht jemand Pause“, sagte er.

„War der Opel auch dort?“

„Nein.“

„Haben Sie jemanden gesehen?“

Reimers schüttelte den Kopf.

„Nur Licht im Transporter.“

Die Polizei durchsuchte den Parkplatz.

Im feuchten Boden fanden sie Reifenspuren.

Außerdem lag zwischen den Büschen ein zerbrochenes Kunststoffteil.

Es gehörte zu einer älteren Heckleuchte eines Transporters.

Das Modell konnte auf mehrere Fahrzeuge eingegrenzt werden, darunter Mercedes Sprinter und VW Crafter aus bestimmten Baujahren.

Doch bevor die Suche nach dem Fahrzeug abgeschlossen war, kam eine neue Wendung.

Lenas Telefon ging wieder online.

Für exakt 43 Sekunden.

Am Sonntag um 03:17 Uhr.

Eine Funkzelle bei Güstrow registrierte das Gerät.

Fast siebzig Kilometer vom Fundort entfernt.

Ein Anruf wurde nicht getätigt.

Keine Nachricht versendet.

Dann war das Handy wieder aus.

Feldmann ließ sofort Streifenwagen in das Gebiet schicken.

Bahnhof, Parkplätze, Raststätten.

Nichts.

Die Ermittlerin begann zu zweifeln, ob der Mann mit dem Transporter tatsächlich der Täter war.

Vielleicht hatte jemand die Telefone mitgenommen.

Vielleicht war der Transporter nur Zufall.

Am Montagmorgen meldete sich schließlich der gesuchte Fahrer selbst.

Er hieß Holger Tiedemann, 54, und betrieb einen kleinen Hausmeisterservice.

Der rote Streifen auf seinem Transporter gehörte zum Firmenlogo.

Tiedemann erklärte, er habe den Frauen tatsächlich Hilfe angeboten.

„Der Reifen verlor Luft. Ich habe gesagt, sie sollen langsam fahren und möglichst an einer beleuchteten Stelle anhalten.“

„Warum sind Sie hinter ihnen hergefahren?“

„Weil wir in dieselbe Richtung mussten.“

„Wie lange?“

„Vielleicht sieben oder acht Kilometer.“

Dann sei er abgebogen.

Seine Aussagen ließen sich teilweise bestätigen.

Eine private Überwachungskamera an einem Hof hatte seinen Transporter um 22:31 Uhr auf einer Nebenstraße aufgenommen.

Allein.

Der Opel war nicht zu sehen.

Tiedemann wurde vorerst nicht als Verdächtiger behandelt.

Damit stand die Polizei wieder fast am Anfang.

Bis ein Techniker die Speicherkarte der kleinen Dashcam fand.

Sie war hinter dem Rückspiegel montiert gewesen und so unauffällig, dass sie bei der ersten Untersuchung übersehen worden war.

Lena hatte die Kamera einige Monate zuvor gekauft, nachdem ihr Wagen auf einem Supermarktparkplatz beschädigt worden war.

Die letzten Aufnahmen waren teilweise beschädigt.

Aber eine Datei ließ sich wiederherstellen.

Sie begann um 22:34 Uhr.

Zu sehen war die Straße vor dem Wagen.

Die Frauen fuhren langsam.

Man hörte Mara sagen:

„Wir müssen wirklich anhalten.“

Lena antwortete:

„Noch ein Stück. Da vorne kommt bestimmt was.“

Dann folgten zwei Minuten Straßenrauschen.

Plötzlich fluchte Mara.

„Jetzt ist er ganz runter.“

Das Auto rollte nach rechts.

Die Aufnahme zeigte exakt die Stelle, an der der Opel später gefunden wurde.

Der Motor wurde ausgeschaltet.

Einige Sekunden passierte nichts.

Dann sagte Lena:

„Ich rufe den Pannendienst.“

Mara antwortete:

„Kein Netz.“

Man hörte Türen.

Die Kamera lief weiter.

Etwa drei Minuten später kam Lena zurück.

„Da hinten ist ein Haus oder so. Ich habe Licht gesehen.“

„Wie weit?“

„Vielleicht fünfhundert Meter.“

Dann etwas Entscheidendes.

Mara sagte:

„Nimm den Kaffee.“

Lena lachte kurz.

„Warum?“

„Weil ich dafür vier Euro bezahlt habe.“

Die beiden stiegen aus.

Das erklärte die Kaffeebecher.

Offenbar hatten sie sie auf die Motorhaube gestellt, bevor sie losgingen.

Die Kamera zeichnete anschließend fast zwanzig Minuten lang nur Dunkelheit auf.

Dann erschien plötzlich eine Person im Bild.

Eine Frau.

Sie kam allein zurück.

Es war Lena.

Sie öffnete die Fahrertür.

Ihre Atmung war schnell.

„Mara?“, rief sie.

Keine Antwort.

Dann hörte man, wie sie das Handy nahm.

„Scheiße.“

Die Aufnahme endete wenige Sekunden später.

Jetzt wusste die Polizei:

Die beiden Freundinnen waren gemeinsam vom Wagen weggegangen.

Aber nur Lena war zurückgekehrt.

Die Suche konzentrierte sich auf das Gebiet hinter der Straße.

Etwa sechshundert Meter entfernt stand tatsächlich ein altes Gebäude.

Kein Wohnhaus.

Eine ehemalige Werkstatt, die seit Jahren nicht mehr genutzt wurde.

Dahinter befand sich ein kleiner Hof mit mehreren Schuppen.

Der Eigentümer lebte inzwischen in Rostock und kam nur gelegentlich vorbei.

Die Tür zum Hauptgebäude war verschlossen.

An einem Nebenschuppen entdeckten Beamte jedoch frische Spuren im Staub.

Drinnen fanden sie einen Campingstuhl.

Leere Wasserflaschen.

Eine Decke.

Und Maras Mobiltelefon.

Es lag ausgeschaltet unter einem Regal.

Nun wurde das Gelände vollständig durchsucht.

Aber von Mara fehlte jede Spur.

Lenas Handy war ebenfalls nicht dort.

Am Dienstagnachmittag brachte ein Polizeihund die Ermittler zu einem schmalen Pfad hinter der Werkstatt.

Er führte zu einem Entwässerungsgraben und anschließend weiter durch ein Waldstück.

Dort fanden sie eine blaue Stofffaser, die später Maras Jacke zugeordnet wurde.

Feldmann begann sich ein anderes Szenario vorzustellen.

Vielleicht hatten Lena und Mara bei der Werkstatt jemanden überrascht.

Vielleicht einen Einbrecher.

Vielleicht jemanden, der dort illegal übernachtete.

Doch warum war Lena zum Wagen zurückgekehrt?

Und warum war sie anschließend ebenfalls verschwunden?

Die Antwort kam ausgerechnet von einem Busfahrer.

Nachdem das Fahndungsfoto von Lena im Fernsehen gezeigt worden war, meldete sich Klaus Berger, Fahrer einer Regionalbuslinie.

Am frühen Samstagmorgen hatte er an einer Haltestelle außerhalb von Sanitz eine Frau einsteigen sehen, die Lena sehr ähnlich sah.

Sie hatte schmutzige Kleidung getragen.

Keine Jacke.

Und sie habe stark gezittert.

Berger erinnerte sich, weil die Frau kein Geld dabeihatte.

„Sie fragte, ob ich sie trotzdem bis Güstrow mitnehmen könnte.“

„War sie allein?“

„Ja.“

„Hat sie etwas gesagt?“

Berger überlegte.

„Sie fragte, ob am Bahnhof die Polizei wäre.“

Dieser Satz sorgte im Ermittlungsraum für Schweigen.

Warum sollte eine vermisste Frau fragen, ob Polizei am Bahnhof sei?

Die Überwachungskameras in Güstrow wurden erneut geprüft.

Um 02:58 Uhr war tatsächlich Lena zu sehen.

Sie ging durch die Bahnhofshalle.

Dann verließ sie das Gebäude wieder.

Um 03:14 Uhr stand sie vor einem Kiosk und schaltete ihr Telefon ein.

Genau dort hatte sich das Gerät für 43 Sekunden ins Netz eingebucht.

Danach ging sie weiter.

Das letzte Bild zeigte sie auf dem Weg zu einem Taxistand.

Die Polizei fand den Fahrer.

Er hatte Lena bis zu einem kleinen Dorf südlich von Güstrow gebracht.

Dort wollte sie an einer bestimmten Adresse aussteigen.

Das Haus gehörte einem Mann namens Michael Brandt.

Und bei diesem Namen änderte sich der Fall ein weiteres Mal.

Brandt war Maras älterer Bruder.

Mara hatte seit fast drei Jahren keinen Kontakt mehr zu ihm.

Zumindest hatte sie das ihren Freunden erzählt.

Brandt öffnete der Polizei erst nach mehreren Minuten.

Er bestritt zunächst, Lena gesehen zu haben.

Dann wurde in seiner Garage Lenas Mobiltelefon gefunden.

Er wurde festgenommen.

Unter Druck erzählte er schließlich eine Geschichte, die niemand erwartet hatte.

Mara hatte ihren Bruder heimlich wieder getroffen.

Seit Monaten.

Michael hatte hohe Schulden und lebte nach dem Scheitern seiner Firma von Gelegenheitsarbeiten.

Mara hatte ihm mehrfach Geld geliehen.

Kurz vor der Reise hatte sie ihm jedoch gesagt, dass damit Schluss sei.

Am Freitagabend hatte Michael sie angerufen.

Er behauptete, dringend Hilfe zu brauchen.

Sein Auto sei liegen geblieben.

Mara überzeugte Lena, einen Umweg zu fahren.

Deshalb waren die beiden so spät noch in der Gegend gewesen.

Doch Michael war gar nicht liegen geblieben.

Er wartete bei der verlassenen Werkstatt.

Er wollte erneut Geld.

Als Mara ablehnte, eskalierte der Streit.

Lena lief zurück zum Auto, um Hilfe zu holen.

Doch ihr Telefon hatte kaum Empfang.

Dann hörte sie Schreie aus Richtung Werkstatt.

Aus Angst kehrte sie zunächst nicht zurück.

Stattdessen lief sie zur Straße und versuchte, ein Auto anzuhalten.

Keines stoppte.

Später ging sie erneut zur Werkstatt.

Mara war verschwunden.

Michael ebenfalls.

Lena geriet in Panik.

Sie glaubte, Michael könnte sie suchen.

Also versteckte sie sich mehrere Stunden in einem nahe gelegenen Schuppen und lief anschließend zu Fuß weiter, bis sie den ersten Bus erreichte.

„Warum ist sie dann zu Ihnen gekommen?“, fragte Feldmann.

Michael starrte auf den Boden.

„Weil ich ihr geschrieben hatte.“

Von Maras Handy.

Er hatte behauptet, Mara sei bei ihm und brauche Hilfe.

Lena fuhr deshalb nach Güstrow.

Als sie bei seinem Haus ankam, nahm Michael ihr das Telefon ab.

Er wollte verhindern, dass sie die Polizei rief.

„Wo ist Lena?“

Michael schwieg.

Erst als Feldmann ihm sagte, dass die Polizei inzwischen jede Bewegung nachvollziehen konnte, brach er zusammen.

Lena lebte.

Michael hatte sie nicht verletzt.

Er hatte sie am frühen Morgen aus dem Haus gedrängt und ihr gedroht, Maras etwas anzutun, falls sie zur Polizei gehe.

Lena war daraufhin weitergelaufen.

Am Dienstagabend wurde sie in einem kleinen Gasthof bei Krakow am See gefunden.

Sie hatte sich unter falschem Namen eingemietet.

Als die Beamten ihr Zimmer betraten, saß sie auf dem Bett und begann sofort zu weinen.

„Habt ihr Mara gefunden?“

Die Antwort lautete noch immer nein.

Michael führte die Ermittler schließlich zu einem Waldstück südlich der alten Werkstatt.

Dort fanden sie Mara am Mittwochmorgen.

Lebend.

Sie lag in einer verlassenen Jagdhütte und war stark unterkühlt und dehydriert.

Ihr Bruder hatte sie nach dem Streit dorthin gebracht und eingesperrt.

Er hatte geplant, sie nach einigen Tagen freizulassen und den gesamten Vorfall als freiwilliges Verschwinden darzustellen.

Dass Lena entkommen konnte, hatte seinen Plan zerstört.

Später rekonstruierte die Staatsanwaltschaft, dass Michael vermutlich selbst das Ventil am Reifen gelockert hatte.

Er wusste, welche Strecke Mara und Lena fahren würden.

Sein Ziel war gewesen, sie in der Nähe der Werkstatt zum Anhalten zu zwingen.

Die beiden Kaffeebecher auf der Motorhaube waren deshalb jahrelang das Bild, das in den Medien mit dem Fall verbunden blieb.

Dabei waren sie das harmloseste Detail dieser Nacht.

Mara verbrachte mehrere Tage im Krankenhaus.

Lena besuchte sie am zweiten Abend.

Eine Krankenschwester erinnerte sich später daran, dass die beiden fast zehn Minuten lang nichts sagten.

Lena saß einfach neben dem Bett und hielt Maras Hand.

Dann sagte Mara leise:

„Der Kaffee ist wahrscheinlich immer noch kalt.“

Lena begann zu lachen.

Und gleich darauf zu weinen.

Michael Brandt wurde später wegen Freiheitsberaubung, Nötigung und weiterer Delikte verurteilt.

Mara brach endgültig den Kontakt zu ihm ab.

Den Opel verkaufte Lena wenige Monate später.

„Ich konnte ihn nicht mehr ansehen“, erzählte sie Jahre danach.

Die beiden Frauen machten lange keine gemeinsamen Autofahrten mehr.

Doch fast zwei Jahre nach jener Nacht fuhren sie wieder zusammen an die Ostsee.

Diesmal mit dem Zug.

In Wustrow gingen sie am ersten Morgen zu einem kleinen Café in Strandnähe.

Lena bestellte zwei Kaffee.

Als die Bedienung die Becher auf den Tisch stellte, sah Mara sie kurz an.

Dann nahm sie ihren Becher und sagte:

„Diesmal trinken wir sie aus.“

Und genau das taten sie.

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